Filius, der zweite Sohn von Gertrud und Willy, ist zu Himmelfahrt in Dresden, auf den Elbwiesen entstanden, im Jahr 1943. "Willy kippte mir in den Schoß, eine Umarmung mit einem Halbtoten, eine verheiratete Frau mit einem Soldaten im Gebüsch. Wie die Leute guckten. Mein 6-jähriger Sohn patschte am Wasser, aufgestanden, mich abgewischt, Schlüpfer angezogen, mein Mann vor mir, Stoppeln, mager, kurzgeschoren, datterig, knöpfte die Jacke zurecht, abgewendet." Dies ist ein Partikel aus dem 1200-seitigen inneren Monolog, den Einar Schleef nach seiner Ausreise aus der DDR 1976 geschrieben hat - sein älterer Bruder war schon lange im Westen und sein Vater tot, Gertrud, seine Mutter, blieb allein in Sangerhausen: "Ich habe meiner Mutter eine Pyramide gebaut. Einfach Schotter übereinander für eine Familientragödie."Es ist schon einigermaßen gewagt, diesen Hagelschlag aus ungeheuren, intimsten Gedankensplittern zu lesen. Der Schleefianer Armin Petras hat den Monolog in einer Bearbeitung von Jens Groß inszeniert - nicht im Gorki-Theater, sondern in Frankfurt am Main, wo Schleef in den 80er Jahren unter Günther Rühle als Hausregisseur engagiert war. Die Theatertreffenjury hat "Gertrud" nach Berlin geholt. Vielen Dank dafür, aber die vier Gastspiele genügen nicht. Denn Petras hat Großartiges geschafft mit diesem konzentrierten, regielich zurückhaltenden Abend; das Beste: Er zeigt dem Zuschauer einen Weg ins Schottergebirge des vor sieben Jahren gestorbenen Künstlers Schleef. Ist man erst einmal drin, rutscht man ganz von selbst tiefer, ein Entkommen gibt es nicht.Vier bis an die Dampfgrenze hochkonzentrierte Schauspielerinnen - Friederike Kammer, Anne Müller, Sabine Waibel und Regine Zimmermann - spielen unter der aufgeklappten Bühne (Olaf Altmann). Der Text - natürlich nicht der vollständige - wurde auf die vier Frauen verteilt, die für vier Lebensphasen von Gertrud stehen. So bleibt der Schrecken der Vergänglichkeit in jedem Augenblick präsent. Die Wesen, die man einmal war und einmal sein wird, sind durch diese Präsenz gleichberechtigt mit der gegenwärtigen Person. Man kann Vergangenheit und Zukunft nicht in die illusionäre Kohärenz des Selbstbildes hineinkorrigieren, wie man es herkömmlich handhabt, damit man nicht zerrieben wird und sich auflöst zwischen widersprüchlichen Erinnerungen und kommenden Unwägbarkeiten.Schleef findet sich mit dieser psychischen Überlebensstrategie nicht ab. Indem er das Auge aufreißt und in die dunkelsten, hässlichsten, angsteinflößendsten Ecken sieht, zermörsert er dieses Selbstbild zu jenem Schotterberg, der exemplarisch ist für deutsche Seelen. Auf der Bühne erhält der Text dann Strukturen, die notwendig sind, um sich zu orientieren. Es geht um ein vergebliches Spiel, darum, die durch die Verletzungen des Lebens verlorene Naivität zurückzugewinnen.Armin Petras kann das. Er ist Kind und Theaterprofi in einem - ein lebensnaher, existenzieller Schmerzspieler. Eine Bombennacht erzählt er unter Verwendung von Kohlköpfen und Rummelgekreisch. Lächerlich? Nicht, wenn man das Gemüse vorher als Kinderköpfe vorgeführt bekommt. Jetzt zerplatzen sie an einer Holzwand, die gleichzeitig als Projektionsfläche für eine wilde Achterbahnfahrt dient. Einar/Filius war zwei Wochen alt, als er solche Achterbahnfahrt in Halle erlebte. Der Luftdruck der Bomben riss den Kinderwagen aus Gertruds Händen, trieb ihn "wie ein Windrädchen" vor sich her - die Mutter immer hinterdrein, während es von allen Seiten "In den Keller!" schrie. Was ist das für ein Spiel?Gertrud machte Karriere als Sportlerin, wenn sie nicht schwanger gewesen wäre, hätte sie 1936 an der Olympiade teilgenommen. Fast wäre sie mit ihren jüdischen Arbeitgebern nach Amerika gegangen, um eine Modeboutique zu eröffnen; sie hätte auch mit ihrer ersten Liebe, einem Kommunisten, nach Russland fliehen können. Stattdessen blieb sie als eine dieser grauen Frauen in der Heimat hängen zwischen Hadmers-, Oschers- und Aschersleben, zwischen Horn-, Nord- und Sangerhausen. Sie hetzte ihren Kindern hinterher, versuchte zu lieben, jonglierte ohne Chance auf Besinnung den Alltag, während die Systeme zusammenbrachen. Sie verlor das Rennen. "Seit die Jungs weg, bin ich auch weg, aus mir gegangen."2009 würde Gertrud hundert werden, doch sie ist vor 15 Jahren in Sangerhausen gestorben.Gertrud Mittwoch, 15 und 21 Uhr im Haus der Berliner Festspiele, ausverkauft, Restkarten an der Abendkasse------------------------------Foto: Gertrud, hier in der jüngsten von vier Varianten (Anne Müller)