Es fällt nicht leicht, sich Thomas Brussig im Puff vorzustellen - erst recht nicht in Boxershorts mit roten Herzchen. Doch der Schriftsteller kennt sich aus im Weddinger "Freudenhaus Hase" und im Schöneberger "Lustgarten"; er hat den Swinger-Club "Tempel-Oase" in Birkenhain und auch das Wilmersdorfer "Café Pssst!" von innen gesehen. Dass der Autor von "Sonnenallee" und "Helden wie wir" dort nur rein literarische Interessen verfolgen würde, musste er seiner Frau versprechen, als die B.Z. eine literarische Reportage über das hiesige Rotlichtmilieu bei ihm in Auftrag gab. Und man darf vermuten, dass ihn seine Shorts bei den Recherchen für das "Puffbuch" besser vor Versuchungen schützten als der rostigste Keuschheitsgürtel.Brussigs Blick auf Bibi, Danielle oder Silvia de Sol ist der eines Mannes, für den es im richtigen Leben unvorstellbar ist, dass Frauen von sich aus Sex wollen könnten - und nicht nur Männer. "Eine Frau in Versuchung zu führen, das ist, wie wenn man nasses Holz mit einem Feuerzeug anzündet. Der Aufwand, den ein Mann treiben muss, ist in der Regel immens." In welchem Paralleluniversum Brussig solche seltsamen Vorstellungen vom Verhältnis zwischen Mann und Frau entwickelt haben mag, bleibt ein Rätsel. Verständlich ist aber, dass er mit solchen Erfahrungen besonders gespannt auf die Berliner Bordelle ist, in denen, so erwartet er, andere Regeln gelten könnten.Beim Small Talk mit den Huren lernt er vieles: Zum Beispiel, dass auf der Oranienburger Straße eine "Sexpreisbindung" existiert, vergleichbar der Buchpreisbindung: "Immer siebzig Euro und immer die erotische Handmassage, Bodymassage, französisch Verkehr, Zimmer, Freigetränk(e), halbe bis Dreiviertelstunde." Brussig erfährt auch, dass die "Bordsteinflamingos", wie er die Professionellen wegen ihrer Lieblingsfarbe Pink und der langen Beine nennt, von den siebzig Euro nur zehn für sich behalten - der Rest geht an "Big Boss". Obwohl Brussig abstinent blieb und somit letztlich nicht wirklich weiß, wovon er spricht, konstatiert er schon nach einigen Puffbesuchen entschieden - und etwas enttäuscht: "Der Mann kriegt nicht was er will." Es sei denn, er bezahlt mehr als den vereinbarten Basispreis - etwa für überteuerten Sekt, den die Nutten bevorzugt trinken. Besonders das "Big Sexyland" in Schöneberg "scheint zu funktionieren wie die Brenner-Autobahn: Wer sich auf die Strecke begibt, wird regelmäßig abkassiert."All dies beobachtet Brussig sorgfältig, aber ohne die Hartnäckigkeit des versierten Reporters; er schildert seine Erlebnisse plastisch und romantisiert nichts, dennoch zeichnet er ein recht weichgespültes Bild vom allnächtlichen Betrieb in den Berliner Bordellen. Das Genre der literarischen Reportage ist, nach seinen bisherigen Romanen und Drehbüchern, Neuland für Brussig, und man merkt seiner "Berliner Orgie" an, dass er sich in dieser Form nicht wirklich zuhause fühlt. Ein systematisch-journalistisches Interesse für exotischere Varianten des Gewerbes, wie man sie in Sado-Maso-Clubs oder Schwulenlokalen beobachten könnte, entwickelt er nicht. Und Aids oder die illegalen Seiten des Milieus - Drogenhandel oder Zwangsprostituition - existieren erst recht nicht in seiner etwas biederen, stellenweise auch verharmlosenden Darstellung.Immerhin schafft er es so, der Prostitution etwas von ihrer Anrüchigkeit zu nehmen: In seiner Darstellung wirkt sie zwar oft schmuddelig, aber nicht prinzipiell verwerflich. Frauen, die freiwillig in diesem Metier arbeiten, sind für ihn keine Menschen zweiter Klasse, sondern "selbstständige Steuerzahlerinnen", denen er Respekt zollt. Freimütig räumt er auch ein, dass es ihm bei seinen Streifzügen nicht immer leicht fiel, keusch zu bleiben. Und wenn man seine begeisterte Schilderung des "Artemis" am Westkreuz liest - eines offenbar sagenhaften Sex- und Wellness-Tempels mit glücklichen Nutten, "sensationellen" Hygienebedingungen, Buffet, Sauna, Pornokinos und Fitnessraum - , kann man dieses Leiden gut nachvollziehen. Unerhört rückständig erscheint es da sogar, dass Männer in den meisten Bordellen noch immer nicht als käufliche Sexobjekte erhältlich sind, sondern ausschließlich als zahlende, "asexuelle Frottee-Wichtel" im Bademantel in Erscheinung treten - oder eben in seltsamen Boxershorts. Bis sich daran was ändert, kann man sich als Frau ohne gewerbliches Interesse jetzt immerhin mit Brussigs Buch amüsieren.------------------------------Thomas Brussig: Berliner Orgie. Piper, München 2007. 208 S., 16, 90 Euro.