Herr Krüger, eine Expertenkommission soll klären, was aus der Behörde wird. Was ist Ihr Vorschlag?

Den Vorschlag soll die Expertenkommission unterbreiten. Die entscheidende Frage ist dabei, wie die Aufgaben in Zukunft erledigt werden sollen. Es geht nicht zuerst um die institutionelle Struktur. Es war eine zivile Bewegung, die die Akten für die Gesellschaft reklamiert hat. Daraus ist dann die Behörde entstanden. Heute kann man fragen, ob dieses Engagement seinen Ausdruck zwingend in einer zentralen staatlichen Struktur finden muss.

Die Behörde hat drei Aufgaben: Akten bereitstellen, Forschung und Bildung. Wer könnte sie erledigen?

Behördeninterne Forschung ist nicht der Normalfall. Es gibt sehr viele hochkompetente zeitgeschichtliche Institute, die diese Aufgabe wahrnehmen können. Und das ganze Feld ist bereits gut erforscht. Manche Sachverständige sagen sogar, die DDR sei überforscht. Absolute Top-Wissenschaftler in der Behörde wie Ilko-Sascha Kowalczuk könnten auch anderswo reüssieren. Bei der politischen Bildung gibt es ebenfalls relativ komfortable Strukturen in Deutschland, unter anderem mit den Zentralen für politische Bildung in Bund und Ländern. Man hat Aufarbeitung nach 1945 nicht zentral organisiert, sondern plural und zivilgesellschaftlich. Das bräuchten wir stärker auch für die neuen Bundesländer.

Man braucht keine Behörde?

Nein, man braucht keine eigene Behörde. Im Gegenteil, man sollte etwa Nationalsozialismus und DDR gemeinsam betrachten, um vergleichend zu arbeiten. Wir brauchen keine Doppelstrukturen. Und was die Unterlagen selbst betrifft, gibt es eine wesentliche Aufgabe, die so nicht mehr im Mittelpunkt steht: Die Überprüfung der Mitarbeiter im öffentlichen Dienst und der Abgeordneten in Parlamenten. Es hat hier einen Generationswechsel gegeben. Insofern kann man sich auf das klassisch archivpolitische Feld konzentrieren. Da haben wir mit dem Bundesarchiv eine hochkompetente Einrichtung. Allerdings ist der besondere Zugang zu den Akten zu gewährleisten, falls sie ins Bundesarchiv überführt werden.

Unter Ost-Jugendlichen gilt die DDR als harmlos. Und erst kürzlich traf ich vier West-Studenten, von denen sie für drei in der Schule kein Thema war. Was läuft da schief?

Geschichtsvermittlung kann nicht mit dem Nationalsozialismus enden. Sie kann auch nicht nur die DDR umfassen. Wir brauchen die Vermittlung einer integrierten deutschen Nachkriegsgeschichte. Und es ist tatsächlich so, dass die Kenntnisse bei Studenten überschaubar sind und man mehr erwartet. Durch Pisa und G 8 ist der Geschichts- und Politikunterricht leider eingedampft worden. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die bundesdeutsche Gesellschaft 25 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Kenntnisstand über die Nazizeit hatte, den die junge Generation heute über die DDR hat.

Im Westen interessiert die DDR nicht. Im Osten wird sie verdrängt.

Da sprechen Sie einen wunden Punkt an. Dabei ist die zweite deutsche Diktatur in Stuttgart, Köln und Oldenburg genauso relevant wie in Leipzig, Dresden und Rostock. Die DDR ist auch Teil der westdeutschen Geschichte. Dass in den neuen Bundesländern Verdrängungsmechanismen greifen, hat mit einer generationsspezifischen Fragestellung zu tun. Zugleich gibt es subkutan Entwicklungen, die man nicht unterschätzen darf. In die westdeutschen Großstädte sind in den 90er-Jahren viele junge Menschen zugewandert. Als der Film „Good bye, Lenin“ 2001 bei einem Test-Screening in München einem Zufallspublikum gezeigt wurde, waren zwölf Prozent der Besucher Ostdeutsche. Unter der Hand sind bereits sehr viele Transfers von Zeitgeschichte gelaufen. Daran sollte man anknüpfen.

Das Gespräch führte Markus Decker.