Am 18. Dezember 1954 rief Anna Seghers aus Moskau an und teilte Brecht mit, dass ihn das Komitee für den Internationalen Stalin-Friedenspreis vorgeschlagen hat. Brecht war beglückt; ihm schien dies "der höchste und am meisten erstrebenswerte Preis" zu sein, der ihm seine "Hauptaufgabe" erleichtern werde, nämlich "für die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands zu arbeiten". Nachdem die Verleihung des Stalin-Preises in der Presse bekannt gegeben worden war, gingen bei Brecht zahlreiche Glückwünsche von Vertretern des Staates, der Partei und von Institutionen ein. Auch die ihn eben noch gescholten hatten, machten ihren Kotau. Bei einigen Gratulanten klang eine Hoffnung mit. Wieland Herzfelde schrieb, er habe sich darüber gefreut, dass "damit jene unqualifizierte 'Kritiken' wohl aufhören dürften, über die ich mich zuweilen vielleicht mehr geärgert habe als Du". Er spielte damit auf die (nach der BE-Premiere des Kaukasischen Kreidekreises) im Dezemberheft 1954 von Theater der Zeit begonnene erneute "grundsätzliche" Polemik Fritz Erpenbecks an. In seinem Artikel "Episches Theater oder Dramatik?" hatte der Kritiker Brecht in aller "Aufrichtigkeit" gewarnt, ein solches Theater weiterhin zu praktizieren: "Vorsicht, Sackgasse!" Zum Empfang des Preises reiste Brecht im Mai 1955 nach Moskau. Warum er unmittelbar vor dem Abflug ein Testament schrieb, in dem er Ort und Umstände seiner Beerdigung bestimmte, mag man deuten, wie man will. Aber vor der Reise legte Brecht auch noch fest, dass ihm die Hälfte der Dotierung des Preises (100 000 Rubel) in Schweizer Franken auf ein neu angelegtes Konto einer Bank in Zürich überwiesen werden soll. Diese "kapitalistische Rückversicherung" Brechts setzte nicht nur die Genossen in Moskau in Erstaunen. In der Sowjetmetropole angekommen, wurde er in allen Ehren empfangen. Man erfüllte seine Wünsche, ob es Besuche von Theatervorstellungen oder ob es das Zusammentreffen mit alten Bekannten waren. Zur weiteren Überraschung seiner Gastgeber bestand Brecht darauf, seine Festrede von keinem anderen als von Boris Pasternak übersetzt zu bekommen. In dieser Rede zur Verleihung des Stalin-Preises im Swerdlow-Saal des Kreml vermied er das Wort Stalin. Es war ein eindrucksvolles Hohelied auf den Frieden, der "das A und O aller menschenfreundlichen Tätigkeiten" sei, "aller Produktion, aller Künste, einschließlich der Kunst zu leben."Was man damals nicht wusste und was bis heute in der Forschung nicht gern zur Kenntnis genommen wird, ist die ungewöhnliche Vorgeschichte dieser Preisverleihung. Für den Preis hatte das Internationale Stalinpreis-Komitee ursprünglich als deutschen Kandidaten einstimmig den "deutschen Repräsentanten" Thomas Mann vorgesehen. Am 16. 12. 1954 fragte ihn ein Beauftragter des Komitees an und wurde abgewiesen: Thomas Mann fühle sich dadurch zu sehr in die linke Ecke getrieben und fürchte, den Einfluss auf seine bürgerlichen Leser zu verlieren. Der Nobelpreisträger von 1929 notierte im Tagebuch am 16.12.1954: "Angebot des Friedenspreises. Unannehmbar. Abermals 100 000 Franken verschmäht."Für den Fall einer Abweisung hatte man einen deutschen Ersatz in petto: eben Bertolt Brecht. Als Anna Seghers Brecht von der Preisverleihung in Kenntnis setzte, sagte sie natürlich nichts von der Vorgeschichte. Das Komitee hat diesen Sachverhalt "streng geheim" gehalten. Die Seghers wird wohl als einzige über die feindseligen Differenzen zwischen Brecht und Thomas Mann Bescheid gewusst haben. Als Brechts Stück "Im Dickicht" im Juni 1923 vom Spielplan des Münchner Residenztheaters abgesetzt wurde, schrieb Thomas Mann in einer Rezension, Münchens volkstümlicher Konservatismus dulde "keine bolschewistische Kunst". Brecht zahlte ihm das wenige Jahre später heim. Auf eine Äußerung Manns im Ullstein-Magazin Uhu unterstellte Brecht in einem satirischen Text, Thomas Manns "Vater" sei in Wirklichkeit der Romancier und Herausgeber von "Westermanns Monatsheften" Friedrich Spielhagen. Der Gescholtene bestritt, je eine Zeile von Spielhagen gelesen zu haben. Worauf Brecht sofort mit Erstaunen feststellte, dass Mann also nicht einmal Spielhagen etwas verdanke. Brecht führte die Differenzen in ihren Meinungen auf den Altersunterschied zurück. Der 23 Jahre ältere Mann wies aber einen Generationskonflikt empört ab, worauf Brecht dem "Meister der feinen Ironie" den groben ironischen Vergleich entgegen hielt, dass es "in einem eventuellen Disput zwischen einer Droschke und einem Auto bestimmt die Droschke sein wird, die den Unterschied geringfügig findet". Zum schlimmsten Eklat kam es im Exil, wo beide in Kalifornien wohnten und nicht vermeiden konnten, sich mitunter zu begegnen. 1943 schrieben mehrere deutsche Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler im amerikanischen Exil, darunter Thomas Mann, eine politische Erklärung. Darin begrüßten sie eine Kundgebung deutscher Kriegsgefangener und Emigranten, in der diese Deutschland zur bedingungslosen Kapitulation aufriefen; zwischen dem Naziregime und dem deutschen Volke müsse "scharf" unterschieden werden. Am Folgetag zog Thomas Mann seine Unterschrift zurück und entschuldigte sich mit einem "Katzenjammer": Er könne nicht unbillig finden, wenn "die Alliierten Deutschland zehn oder zwanzig Jahre lang züchtigen". Brecht war entsetzt über die Haltung dieses "Kulturträgers", dessen "entschlossene Jämmerlichkeit" ihn lähme. In einem Gedicht, das er über diesen Vorfall schrieb, heißt es: "Die Hände im dürren Schoß / Verlangt der Geflüchtete den Tod einer halben Million Menschen." Die immer mehr angewachsene Feindschaft der beiden Schriftsteller dürfte den sowjetischen Kollegen kaum bekannt gewesen sein.Auf der anderen Seite war Brecht als Dramatiker und Regisseur in der Sowjetunion nahezu unbekannt. Nach 1933 waren zwar eine ganze Reihe Brecht'scher Werke veröffentlicht worden, aber seine Stücke und vor allem die Theorie seines Theaters fanden wenig Zustimmung. Brechts Freunde aus den Dreißiger- jahren wurden zum größten Teil Opfer des Stalinismus: Sie erhielten Berufsverbote und wurden inhaftiert. Noch 1953 - also ein Jahr vor der Preisverleihung - hieß es im Vorwort des in Moskau erschienenen deutschsprachigen Brecht-Lesebuchs Gedichte und Prosa: "Lange Zeit begriff der Schriftsteller nicht, dass seine Theorie auf Umwegen zum Objektivismus, zu einer dekadenten, ideenlosen, flügellahmen Kunst führt." Um es vorsichtig auszudrücken: Das offizielle Verhältnis der Sowjetunion zu Brechts Theater war ebenso verhalten-kritisch, wenn auch weniger kenntnisreich, wie das zu dieser Zeit in der DDR. Die Verleihung des Stalin-Preises kam für viele Kenner der Theaterszene und Funktionäre beider Länder ziemlich überraschend. Die Auszeichnung galt freilich auch nicht dem Theatermann, sondern dem Antifaschisten, der sich für den Frieden in der Welt einsetzte. Thomas Mann fürchtete sich vor einem Spiel als linker Stürmer und blieb lieber in der Mitte. Es mag für ihn wie eine Ironie des Schicksals gewesen sein, dass ausgerechnet sein Lieblingsfeind Brecht diese Position - gewissermaßen als Ersatz-Mann - eingenommen hat. ------------------------------Zwei Anekdoten // Thomas Mann urteilte nach der Lektüre von Brechts "Furcht und Elend des III. Reiches": "Das Scheusal ist ja begabt." Als das Brecht erfuhr, soll er geäußert haben: "Ich finde einige seiner Kurzgeschichten auch ganz hübsch." Brecht erzählte, er hätte für Grabbes Stück "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" einen guten Regieeinfall: Als viel wirksameres Einschlafmittel müsse man dem Teufel nicht, wie im Original, die Bibel zur Lektüre in die Hand geben, sondern natürlich Thomas Manns "Zauberberg".------------------------------Foto (3): Brecht In Moskau bei der Verleihung des Stalin-PreisesDie Urkunde, die der deutsche Dichter bekam, hat Louis Aragon unterzeichnet.Übersetzt aus dem Russischen: Hochverehrter Bertolt Brecht zur Verleihung des Internationalen Stalinfriedenspreises unseren großen deutschen Gramatiker herzlichste Glückwünsche(Telegramm des Amtes für Literatur und Verlagswesen)Brechts Kommentar: "ganz sicher vom Amt selbst redigiert" (Tägliche Rundschau, 23.12.1954).