Thomas Ostermeier hat an der Schaubühne Lars Noréns Beziehungsdrama "Dämonen" inszeniert: Schicksal ist das halbe Leben

Es sind ihre Augen. Das eine Auge von Brigitte Hobmeier scheint auf eine unheimliche Ferne gerichtet, das andere etwas unerhört Nahes zu fixieren. In der Summe verleiht das ihrem Blick einen schwebend-somnambulen Flor. Eine Aura der Unergründlichkeit umschleiert sie, etwas flirrend Entrückendes, das auf ihren gesamten Körper, den Gang, die Handbewegungen abstrahlt. Eine Erscheinung wie Nofretete - man schaut sie an und weiß nicht warum. Vielleicht ist es ihre in sich ruhende, gefährlich berückende Seelenschönheit, wahrscheinlich aber ihr Schweigen. Wo keine Worte fallen, bleibt alles in der Schwebe, ist entweder alles noch möglich oder alles schon entschieden. Brigitte Hobmeier schweigt zu Beginn zehn Minuten. Sie sitzt im Sessel, spielt mit den Fingern. Ihr Blick ist auf den Boden gerichtet. Sie weiß schon, dass er schwankt, sie hofft noch, dass er hält.Die Logik des SchicksalsLars Eidinger betritt den Raum. Sein Blick ist gehetzt, rissig, spitz; er zerfurcht das Schweigen, schneidet es auf. Es wurde noch kein Wort gesprochen, schon ist alles gesagt, alles schien möglich, jetzt ist alles zerbrochen: das Schweigen, das Schweben - und die Liebe. Die auf der Bühne und wir im Parkett wissen es auch: Nichts geht mehr, das Spiel ist aus. Er und sie, die Katarina und der Frank - da wird nichts mehr heil, das hat keine Zukunft, das kann nur die schlimmstmögliche Wendung nehmen. Immer sind in Liebesbeziehungen die Nachspiele am schrecklichsten, immer sind die Kämpfe, Verletzungen, Nöte am größten, wenn sich die einst Vereinten nur noch im Hass und Missverstehen einig sind.Was folgt, ist ein zweistündiger Epilog: der unaufhaltsame Aufstieg größter Niedertracht und gröbster Gemeinheiten. Sie demütigt ihn, er demütigt sie. Die Logik ist unerbittlich: Es ist eine Schicksalslogik, die für alle gilt, die an Schicksale glauben. Katarina und Frank sind Festgläubige - sie können sich gar nicht vorstellen, dass ihr Egoismus, ihre Verzweiflung, ihre Liebesunfähigkeit anders als durch ein unabwendbares Schicksal verschuldet sind. Das Schicksal, das ist der Andere, und vor diesem Anderen gibt es kein Entkommen. Wer so glaubt, muss den Gesetzen des Schicksals gehorchen. Und sie gehorchen bis ans Äußerste.Dass die Nachbarn Jenna und Thomas noch auf ihrem Beziehungskampfplatz auftauchen, das Anders-Paar mit Kindersorgen und Altlasten eines romantisierenden Liebesverständnisses, und dass auch sie sich bekriegen und alle Vier sich schließlich über kreuz begehren, dass also der Beziehungskrieg ein weiteres Schlachtfeld eröffnet, ist nur konsequent: Solche Kriege dulden keinen Frieden um sich herum. Am Ende kippt Frank (Achtung Symbol!) Katarina die Asche seiner Mutter aufs Haupt. Erst hat er die Urne in einer Plastiktüte herumgetragen, jetzt klebt der schwarze Staub in ihren Locken."Dämonen" heißt das Stück, das hier gespielt wird; geschrieben 1984 von dem schwedischen Dramatiker Lars Norén. Es ist ein langes, ausuferndes, mitunter plakatives Stück. Regisseur Thomas Ostermeier hat es eingestrichen und von einigen Peinlichkeiten befreit, vielen Dank. Er hat auch alles getan, um seinem Quartett den roten Teppich des Virtuosentums auszurollen; und sie sind allesamt virtuos. Eva Meckbach nimmt ihre Jenna von der nassforschen, rätselhaft geheimnisfreien Seite, der noch in Ausbildung befindliche Tilman Strauß lässt den Thomas derart schulterhängerig und schlabberhosig herumstehen, dass sein Wutausbruch über das langweilig dahintröpfelnde Leben an Jennas Seite umso wuchtiger wirkt. Eidinger und Hobmeier sind ein Musterpaar der Doppeldeutigkeiten, Meister des Subtilen und Unberechenbaren. Einmal sitzt er auf dem Rennrad im Glaskasten, einmal trägt sie Indianerschmuck. Aber das bedeutet nichts.Die Logik des AbwesendenNichts soll an diesem Abend eine tiefere, über das Spiel hinausgehende Bedeutung haben. Nicht das Drehen der Bühne, nicht die Musik (Puccini, Billie Holiday), nicht die Kamera, die Nah- und Überkopfaufnahmen der Schauspieler einfängt. Ostermeier lässt einfach spielen. Er lässt das Übertragische ins Urkomische kippen, lässt Schläge austeilen und Sätze speien, er überzeichnet und überblendet die Figuren, alles eingelagert in einem diffusen Heute. Und ja, man schaut den Vier gern bei ihrer sauber abgewickelten Schauspielarbeit zu. Aber es folgt nichts daraus.Das soll es auch nicht. Denn Ostermeier, der zu Beginn seiner Schaubühnen-Intendanz vor zehn Jahren schon einmal ein Norén-Drama inszeniert hat, will weder Beziehungs- noch Gesellschaftsverhältnisse anklagen, er will nur auf Mittelstandsmenschen zeigen, die aus solchen Beziehungen in solchen Zeiten hervorgehen. Moralisch ist das die Haltung des Aktenverwahrers, eines Dokumentaristen, der für das Dokumentierte nicht habhaft gemacht werden will. Leicht ließe sich einwenden, dass Ostermeiers Psycho-Realismus an der Wirklichkeit vorbei greift (sind die Figuren nicht ein bisschen sehr überzeichnet?), mitunter weckt der Abend den Verdacht einer kunstbetrieblichen Selbstgefälligkeit (ist er nicht vor allem damit beschäftigt,zu gefallen?). Das aber ist es nicht, was dieser Inszenierung einen merkwürdig schalen Beigeschmack verleiht. Es ist der dezidierte, fast aufdringliche Verzicht auf alle explizit politischen Inhalte. Denn solches Aussparen ist selbst eine eminent politische Haltung, die in dieser Inszenierung aber seltsam unreflektiert bleibt: die fatalistische Haltung des Zeitvermessers, der glaubt (oder hofft), weder das Schicksal ändern zu können noch an den Verhältnissen beteiligt zu sein.Dämonen 11. und 12. 3., 19 Uhr, 14. 3., 18 Uhr, Schaubühne, Karten: 89 00 23------------------------------Foto: Dämonen unter sich: Lars Eidinger und Brigitte Hobmeier spielen Norén.