Als schon alle saßen und ihre Aufmerksamkeit auf die Puppen lenkten, die vor einer kleinen Vorhang-Kiste auf den Brettern dieses Bühnenabends lagen, in historischen Kostümen und mit gepuderten Perücken, ging es noch nicht los. Dafür ging eine der Türen noch einmal mal auf, und Sasha Waltz, die Herrin der Schaubühne, geleitete Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin und seine weibliche Begleitung in die Arena und wies den verschlungenen Weg zu ihren Plätzen. Es war eine Szene voll theatralischer Schönheit, wie aus einem Roman von Balzac, nur nicht so ausladend, sondern von technokratischer Eleganz. Stolz und zugleich irgendwie verschämt schritt und huschte das Repräsentantenpaar durch die Reihen. Das Glamourbild, das die Medien von Nida-Rümelin verbreiten, und die Wirklichkeit fielen wundersam ineinander, und das ironiegeschulte Publikum bedachte diesen erhabenen Moment mit einem nicht wirklich hämischen Applaus. Wir sind Marionetten, die an Fäden durch unser Leben geführt werden, hieß es später bei Büchner, dessen Stück "Dantons Tod" unter der Regie von Thomas Ostermeier gegeben wurde. Das war ein Schluck Champagner vor dem Beginn, und hätten wir geahnt, dass es die folgenden dreieinhalb Stunden hauptsächlich abgestandenes Mineralwasser geben würde, hätten wir ihn nicht so sorglos hinuntergespült.Thomas Ostermeier, der zweite Herr des Hauses, hat bisher hauptsächlich Gegenwartsautoren inszeniert. Jetzt hat er Büchner bearbeitet, und er hat sich dabei so tief und begeistert über das neue Arbeitsfeld und die historischen Quellen gebeugt, mit so viel glühendem Ehrgeiz in den Klassiker und die Umstände der Revolution versenkt, dass er, als es ans Inszenieren ging, scheinbar keine Lust mehr hatte, aus der Bibliothek herauszukommen. Das würde zumindest erklären, warum das Programmheft erstklassig ist, mit abgedruckten Briefen von Büchner an seine Familie, mit dem Steckbrief des Gesuchten und der Chronologie der Ereignisse, und warum andererseits die Schauspieler so laut brüllen anstatt zu sprechen. Sie rufen nach ihrem Regisseur, nach einer Hand, die sie führt, oder nach einem Wort, das in ihnen das Büchnersche Feuer oder den Büchnerschen Welt- und Geschichtsekel entfacht, aber es kommt nur das Rascheln der Quellen zurück, und ein paar halbherzige Ratschläge: Machts doch wie Brecht. Oder wie Andrej Woron. Oder wie früher beim Kasperletheater. Hauptsache, kein Wort geht verloren, denn da ist Ostermeier streng.Optisch sieht alles nach Brecht aus. Zwei schmale Stege laufen von rechts und links auf ein erhöhtes Holzpodest in der Mitte zu. Auf dieses Podest hat Jan Pappelbaum eine kleine Bühne aus Vorhängen hingesetzt, die man auf- und wieder zuziehen kann wie beim Kasperletheater. Hinter diesem Kasten wird die Bühne von einem halbrunden, ausgesucht schäbigen Leinentuch begrenzt. Das Publikum sitzt im Halbrund um die Bühne.Als die Puppen sich vorne aufrichten und mit mechanischen, gezierten Bewegungen Karten spielen, wird deutlich, dass im Frauenkleid ein Mann steckt. Kurz darauf geht der Vorhang auf, und man sieht Danton (Kay Bartholomäus Schulze) und Rosalie (André Szymanski), starr wie Puppen, in eisiger Umarmung. Liebst du mich? fragt Rosalie. Ich liebe dich wie das Grab, sagt Danton und guckt glasig ins Publikum. Oh, sagt Rosalie und dreht beleidigt den Kopf. Es bleibt die stärkste Minute des Abends, weil deutlich wird, was Büchners Stück eigentlich antreibt, das Herrenlose der Figuren, die Ohnmacht den Ereignissen und den eigenen Gefühlen gegenüber. Die Kraft dieses Anfangs entsteht auch, weil die Schauspieler bei sich bleiben und nicht ins Publikum zwinkern: Achtung, wir machen Theater! Warum die Frauen von Männern gespielt werden, darf man allerdings nicht fragen.Rechts vorn sitzen übrigens drei Musiker im Bühnengraben und spielen jetzt ein grelles, dreigroschenoperartiges Intermezzo, und in der nächsten Szene prügeln Besoffene übertrieben toll, und die Anfangsspannung ist flöten und stellt sich, bis auf wenige glückliche Momente, für die die Schauspieler Cristin König, Kay Bartholomäus Schulze und Tilo Werner verantwortlich sind, nicht mehr ein."Dantons Tod" besteht aus sehr vielen Partikeln, aber eigentlich ist es zweigeteilt. Den Volksaufläufen, Verhandlungs- und Gerichtsszenen stehen die Mono- und Dialogszenen gegenüber. Eine Ansammlung und Auflistung von Details aus der Endphase der Französischen Revolution kontrastiert die großen Duelle: Danton gegen Robespierre. Danton gegen sich selbst. Danton gegen den Tod. Danton will, dass das Morden im Namen der Befreiung aufhört. Robespierre hält an seiner gnadenlosen Haltung fest und opfert den früheren Freund. Danton begehrt noch mal auf und verzweifelt langsam. Dann Hinrichtung von Danton und seinen Freunden, die hier so aussieht: Zwei halten Danton fest. Ein Dritter schüttet aus einem Eimer rote Farbe ins Gesicht des Hinzurichtenden, der zehn Sekunden starr ins Publikum blickt.Ostermeier gewichtet nicht, sondern behandelt die eher marginalen Massenaufläufe genauso wie die wesentlich wichtigeren Einzelszenen, alles zieht gleichmäßig wie ein Panorama vorbei, hübsch unterbrochen von den Musikeinsätzen der Dreipersonencombo. Ähnlich wie in Peter Steins Faust-Projekt gibt es statt eines interpretatorischen Zugriffs mätzchenhafte Oberflächenbehandlung. Weil die Massenszenen eigentlich langweilig sind, dürfen die Schauspieler auch mal wild tanzen, die Männer-Frauen tragen große Hängebrüste und müssen Grimassen schneiden. Einmal darf Danton nackt aus einer Wanne steigen, und den ganzen zweiten Teil hängt er in einem Käfig unter der Decke. Werner Rehm und Hans Diehl müssen mit den Armen rudern und sich gegenseitig Hörrohre an den Hosenlatz halten. Das Sexuelle ist das zweite Ohnmachtsmotiv des Stückes. Von oben wälzt sich die Geschichte über die Figuren, von unten reißt das Kreatürliche. Dass sich Ostermeier an diesen Bereich mit dem humorfreien Altherrenwitz eines Dreizehnjährigen heranmacht, ist die größte Überraschung.Da Ostermeier keinen haltenden Raum entwirft, in den die Schauspieler hinein sprechen, taumeln die meisten zwischen glühendem Deklamieren und Babysprache. Tilo Werner steht in diesem Hin und Her wie ein scharfer Fels, er gibt Robespierre einen kindlich klaren Trotz und schlitzt alles, was ihm entgegen kommt, mit seiner Terrorlogik auf. Kay Bartholomäus Schulze ist als Danton erst ein gelangweilter Clown, der sich aus einer coolen Bitterkeit in einen große, halbwahnsinnige Verzweiflung hineinschreit. Da hat das Brüllen wenigstens einen traurigen Sinn. Sonst hat man den Eindruck, das Publikum soll be- straft werden. Bloß wofür?Besetzung // Regie Thomas Ostermeier Bühne Jan Pappelbaum Kostüme Almut Eppinger Musik Jörg Gollasch Darsteller Kay Bartholomäus Schulze (Georg Danton), Tilo Werner (Robespierre), André Szymanski (St. Just/Julie/Rosalie), Thomas Bading (Hérault), Lars Eidinger (Philippeau), Cristin König (Lucile) Weitere Aufführungen 2. , 3. , 5. , 6. , 9. , 10. sowie 14. bis 16. April; Telefon: 89 00 23.DRAMA/IKO FREESE Danton begehrt noch mal auf, verzweifelt langsam, dann Hinrichtung (Kay Bartholomäus Schulze als Danton).