Jetzt hat Anna ihr Examen. Alle Gesangsstudenten treten während ihres Studiums auf, in Kirchen, Off-Produktionen, als Chor-Aushilfen. Die Sopranistin Anna Prohaska, Jahrgang 1983, sang während ihres Studiums Partien an der Komischen Oper, der Staatsoper, mit den Berliner Philharmonikern, bei den Festspielen in Luzern und Salzburg; sie sang unter der Leitung von René Jacobs, Daniel Barenboim und Simon Rattle, und seit 2008 ist sie Ensemblemitglied der Staatsoper. Ihr Examen fand in deren Räumen statt, am Dienstag im Apollo-Saal. Das Publikum musste danach den Saal schnell verlassen, denn die Professoren unter dem Vorsitz von Thomas Quasthoff mussten noch über eine Note beraten, die ohne jeden Einfluss auf eine längst begonnene Karriere ist. "Na, was wird sie wohl bekommen haben?" fragte Quasthoff launig, als er aus dem Apollo-Saal trat: "Das war die beste Eins, die ich in meinem Leben gegeben habe."Und das gewiss nicht nur, weil Anna Prohaska besser singt als der professionelle Durchschnitt, der sonst die Hochschulen verlässt. Zweifellos hat sie kaum technische Probleme, dafür ein vollendetes Bewusstsein von dem, was sie mit der Stimme macht - schon, wenn sie einatmet, stellt sie den Rhythmus, die Länge und den Ausdruck der Phrase hin. Ihr Singen ist gehobenes Sprechen im Sinne einer allseitigen Klarheit des Ausdrucks, da gibt es keinen Moment, in dem die Stimme sich nur in ihrer eigenen Pracht darstellt.Anna Prohaskas Ausdruckskraft liegt jenseits jener rosaroten Klassik-Welt der Plattenlabels, in der Traditionen nicht mehr befragt, sondern zwecks Ausbeutung nur noch mit falscher Treuherzigkeit bestätigt werden. Ihr Examen ist ein Liederabend, am Flügel begleitet von Gary Gromis, und doch kein Liederabend: Sie zieht ein mit einem gregorianischen Choral, gekleidet in ein rot-goldenes, mönchisches Gewand. Das Programm fegt das verrottet Bürgerliche aus - schon das Thema "Glaube & Ekstase" distanziert sich von der fad gewordenen Melancholie trauriger Wanderer - und begibt sich zugleich in die Höhle des Löwen, wenn ein vernutztes Stück wie Franz Schuberts "Ave Maria" auf dem Programm steht: Hier wird es wieder zum Leben erweckt, durch flüssiges Tempo und leichte Tongebung. Prohaska verfügt über ein wundervolles legato, aber hier hält sie den Stimmklang zugunsten der Sprache zurück. Schuberts harmonische Finessen, im Missbrauch zu Genussmitteln verdorben, erlangen mit einem Mal eine rührende Unschuld. Auch durch die Nachbarschaft zu Anton Weberns Drei Liedern aus Hildegard Jones "Viae inviae": Nichts beeindruckender, als wenn Prohaska gegen die gezackten Linien des späten Webern, die sie mit staunenerregend selbstverständlicher Stimmfülle singt, das Sprachgefälle des Textes durchsetzt, so dass man zwei Melodien zu hören meint, die komponierte und die gedichtete. Die Webernschen Ekstasen entdeckt sie dann auch in Henry Purcells "The Blessed Virgin's Expostulation". Was Anna Prohaska auch singt, sie verwandelt es.------------------------------Foto: Große Begabung: Anna Prohaska.