Thorsten Lensing zeigt seine Inszenierung "König Lear" in den Sophiensælen: Das Superlativste

Hoch trabt Goneril, als sie ihrem Vater, König Lear, die Meldung von Liebe ausformuliert, nicht ohne wortreich zu erwähnen, dass die Worte nicht genügen. Ihr Ausdrucksmittel ist der schön gesprochene Komparativ: Sie liebe ihren Vater "weit inniger als Lichchcht und Luffft". Trickreich ihre Position als Zweitgeborene und -sprechende ausnutzend, überbietet Regan Goneril. Ja, sie liebe ihren Vater, wie es ihre Schwester tue. Nur eben deutlich mehr. Nun ist Cordelia an der Reihe. Sie verzichtet auf eine Ausschmückung der Tatsache. Sie sagt, sie liebt und macht einen Punkt. Der Kommentarverzicht ist der höchstmögliche Kommentar. Sie könne ihr Herz nicht auf die Lippen heben. Sie wird enterbt.Der Regisseur Thorsten Lensing ist Shakespeares Cordelia. Er macht den Text zum Naturereignis, stellt ihn in den Raum und macht einen Punkt. Der Kommentarverzicht ist der höchstmögliche Kommentar. Dem nicht hinnehmbaren Totsein Shakespeares ist es geschuldet, dass wir nicht erfahren dürfen, in welchen Zumessungen er sein Geistreich unter seine Interpretatoren verteilt hätte. So darf jeder sich nehmen, wie viel er tragen kann.Lensing nimmt in superlativster Bescheidenheit einfach alles. Der dreieinhalbstündige Abend wird gestaltet, indem begnadete Schauspieler die Worte Shakespeares durch ihre Körper fahren lassen. Das Denken ist ihnen dabei erlaubt, viel mehr nicht. Die Schauspieler berühren sich und sehen sich so selten an, dass, wenn es zu Blick- und Körperkontakten kommt, diesen als Regelbrüchen hohes dramatisches Gewicht zuteil wird. Die Gesichter als Spiegel der im Text enthaltenen tragischen Komplexe werden dem Publikum frontal zur An- und Hineinsicht zugewendet. (Was für Gesichter!) Die Veranstaltung hat etwas Rituelles, sie zieht sich hinter ihr Thema zurück und stellt es so dem Publikum direkt zur Verfügung. Was es damit anfängt, bleibt ihm überlassen. Es steht dem Zuschauer frei, daran zu zerbrechen.Matthias Habich spielt König Lear. Sein Gesicht öffnet sich zu Beginn. Er begrüßt seine Ritter voller Wärme, voller guter Erinnerung an gemeinsam Erlebtes. Und zwar indem er jeden Einzelnen namentlich willkommen heißt. Erst die Sirs, dann die Dukes, dann die Lords. Jeweils nach dem Alphabet. Es ist nicht wenig, wenn er lediglich diese Hundertschaft behalten, alles Andere aber seinen Töchtern vermachen will. Für Regan und Goneril ist es jedenfalls zu viel. Lear wird auseinander genommen. Mit seinen sozialen Würden verabschiedet sich sein Verstand.Shakespeares SegenHabich steht da und lässt es mit sich geschehen. Man kann sehen, wie sich sein Hirn im Schädel dreht. Im Stadium der Vernarrung seines Geistes, sagt er: "In dieser Hinsicht ist die Natur der Kunst überlegen." Er geht im Nachthemd 19 Schritte zum Horizont, kommt 19 Schritte zurück zur Rampe, und als er über Ehebruch spricht - "Der Zeisig tut s, die kleine goldene Fliege, vor meinen Augen buhlt sie" - streift der Schatten einer zufällig anwesenden Fliege seine Stirn.Dieser Abend besteht aus lebendigen, Leib gewordenen Gedanken: Der Theaterwissenschaftsprofessor und Mitbegründer von "Theater heute", Henning Rischbieter, der als Gloster die Augen schließend erblindet; Ursina Lardi (die im letzten Jahr in Lensings "Catharina von Siena" die Titelrolle spielte), wie ihr das Wasser in die Augen steigt, wenn sie als Cordelia ihrem zerstörten Vater begegnet; Samir Osman, der als der Bastard Edmund jeden Auftritt mit teuflisch-schiefen und dabei ansteckenden Grinsen beginnt.Was soll man hinterherjubeln, wenn man gerade erfahren hat, dass alle Ausschmückung, alle Interpretation, dem Daseienden nicht gerecht wird. Der Punkt, der hinter diesem Satz steht, bedeutet so viel wie alles über diese Arbeit Sagbare.König Lear. 17.-20. und 23.-26. Mai, 20 Uhr, Sophiensæle, T.: 283 52 66.