Als der Prinz kommt, spielt nur eine Flöte. Die Frau mit dem Instrument steht frierend vor dem Roten Rathaus und wartet auf einige Groschen von den Schaulustigen. Der Prinz fährt im blauen Jaguar vor, steigt aus, winkt kurz und geht ins Rathaus. Mehr war nicht. Keine Böllerschüsse, keine Fallschirmspringer. Keine Fähnchen mit dem Union Jack, die Botschaftsmitarbeiter noch beim letzten Besuch des Prinzen Ende Mai 1994 an Schaulustige verteilt hatten.Damals nahm der Thronfolger zum letzten Mal in Berlin die Geburtstagsparade der britischen Truppen zu den Klängen von sechs Militärorchestern ab. Und war dazu auch noch eigens in eine Schottenrock-Uniform geschlüpft. Gestern blieb es beim dezenten Dunkelblau. Imagepolitur Das Protokoll ließ keinen Zweifel daran aufkommen - der Blaublütige, der über vier Vornamen, acht Adelstitel und mehr als 200 Präsidialämter von Organisationen verfügt, war ausschließlich zum Arbeiten in Berlin. Und vielleicht auch dazu, das Image des britischen Königshauses aufzupolieren. Immerhin ist es durch die schier endlosen Skandale um die Ehe des Thronfolgers auch im Ausland in Verruf geraten.Dabei hat ein Prinz von Wales auch andere Qualitäten. Seitenlang wird in Pressematerialien der britischen Botschaft auf die Verdienste des Prinzen um die Förderung der britischen Industrie, des Natur- und Umweltschutzes oder der Architektur hingewiesen. Ganz in diesem Zeichen stand und steht denn auch das Besuchsprogramm in Berlin und Brandenburg. Zwar saß der Prinz am Abend ganz staatsmännisch mit Bundespräsident Herzog im Schloß Bellevue zu Tisch. Doch zuvor besuchte er die Humboldt-Universität, wo im Juni dieses Jahres ein Zentrum für Britische Studien eröffnet wurde. Und auf Schloß Cecilienhof will er eine Ansprache vor Wirtschaftsleuten halten. Nicht einmal eine Geburtstagsparty ist während der Visite geplant. Dabei wird Prinz Charles heute 47. Bevor ihm zum Geburtstag gratuliert wird, durfte seine Königliche Hoheit gestern erst einmal einem anderen gratulieren: Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen. Der wurde 54 und bekam aus dem englischen Königshaus einen Kupferstich vom Buckingham Palast aus dem Jahre 1780 geschenkt. Diepgens Mitarbeiter hingegen bedachten ihren Chef zeitgemäß. Sie schenkten ihm 100 Mars-Schokoriegel. Als Nervennahrung sozusagen für die angelaufenen Sondierungsgespräche mit der SPD. Diepgen scheint die Riegel zu brauchen. Seinem Königlichen Gast bot er jedenfalls keinen einzigen an. Dafür bekam Charles am Nachmittag in Hellersdorf Rotkäppchensekt."Ganz Hellersdorf hat auf ihn gewartet", sagt die 14jährige Mandy. Doch die Schülerin übertreibt. Nicht Zehntausende, sondern nur rund eineinhalbtausend Menschen haben sich auf dem Cecilienplatz versammelt, um Charles zu sehen. Große Eskorte Seine Königliche Hoheit kommt verspätet, aber mit großer Eskorte und versetzt die frierende Menge in Verzückung. Alte und Junge schwirren um den Troß des Prinzen, Jugendliche stimmen ein Gekreische wie bei einem Take-That-Konzert an, einige steigen sogar auf die frischgepflanzten Bäumchen. "Früher wurden die Leute herbestellt, jetzt sind sie freiwillig begeistert", sagt der Verwaltungsangestellte Udo Leiendorf. "Die Welt schaut auf Hellersdorf."Es ist ein merkwürdiger Anblick. Da wandelt der royalistische Snob durch tobende Menschenmengen zwischen grauem Plattenbeton und wirkt irgendwie deplaziert. Gerade erst haben die Hellersdorfer der Bezirks-PDS über 40 Prozent der Stimmen gegeben, jetzt jubeln sie dem Klassenfeind zu, der in Schlössern wohnt, die so gar nicht zu den Elfgeschossern hier passen.In einen der Wohntürme geht der Kronprinz, nippt bei Herbert und Eva-Maria Kunz vom Sekt, nachdem er durch die Wohnung im achten Stock geführt worden war. "Sympathisch und locker" fanden die beiden 44jährigen den hohen Besuch, der wissen wollte, wie ihnen der Bezirk gefalle und ob die Wohnungen hellhörig seien. Den siebenjährigen Sohn Christian fragte Charles, "ob er gut in der Schule" sei.Nach einer Viertelstunde habe es gepiept und der Prinzentroß sei wieder abgezogen. Zurück blieb ein Stadtführer "Berlin at a glance", den Familie Kunz dem Briten als Geschenk überreicht hatte.Unten eröffnet Charles dann die Ausstellung "Vision für den Cecilienplatz", die inmitten des Areals aufgebaut worden ist: "Ein Stonehenge für Arme ist das", meint Karin Kurth unter Anspielung auf die monolithischen Kunstwerke, die im Herzen der Anlage stehen. Auch sonst wurde viel Stein verpflastert, weswegen der Platz bei den Anwohnern keine Begeisterungsstürme auslöst: "Das ist nicht der richtige Ort, um zu beweisen, daß Hellersdorf ein grüner Bezirk ist", sagt Karin Kurth. Architekturkritiker Doch Charles Besuchsziel ist mit Bedacht gewählt. Denn der Ost-Berliner Bezirk mit seinen architektonischen und sozialen Problemen eignet sich, des Prinzen Interesse zu wecken. Schon seit den 80er Jahren zieht der Windsor-Sproß gegen die Auswüchse moderner Architektur zu Felde und prangert mit harschen Worten deren Auswüchse an. In Hellersdorf sind die von Charles monierten Mißstände wie in einem Brennglas gebündelt: Rationalistische Konstruktionen ohne städtebaulichen Charme prägen das Weichbild der Retortenstadt, die innerhalb weniger Jahre aus dem Boden gestampft wurde. Aus allen Teilen des Landes wurden Menschen hierhergeholt und in halbfertige Wohnviertel gewürfelt, die bis heute durch keine intakte Infrastruktur verbunden sind. Zwar stimmt das Klischee vom Plattenghetto mit extremen sozialen Verwerfungen nicht, doch wandern immer mehr Einwohner ab, sobald sie finanziell dazu in der Lage sind. "Ich hoffe, daß er sieht, wie's wirklich ist", meint ein Rentner, der in der nahegelegenen Finkelsteinstraße wohnt und "die Platte schön" findet.Geteilter Meinung über den royalistischen Gast war auch PDS-Sozialstadtrat Uwe Klett, der ins Hellersdorfer Bürgermeisteramt einziehen will: "Hochinteressant finde ich ihn als Architekturkritiker. Die Probleme von Großsiedlungen sind in London sicher die gleichen wie in Berlin." Da könne der hochrangige Besuch durchaus nicht nur Visionen bieten, sondern konkrete "Initialzündungen" für neue Lösungsansätze geben. Daß Charles von der WoGeHe wie "in der Tradition des SED-Politbüros" ein auf Hochglanz poliertes Haus präsentiert worden sei, hält der 36jährige Klett dagegen für "hochgradig albern": "Der ist doch nicht vom fünften Stern." +++

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