Erfurt - Als am Sonntagabend die ersten Prognosen über die Bildschirme flimmerten, war Andreas Bausewein der erste Sozialdemokrat, der sich stellte. Um sich schminken zu lassen für die Fernsehkameras, ging der 41-Jährige noch einmal kurz in die Knie – um Augenblicke später in dem kleinen Studio des Mitteldeutschen Rundfunks im Thüringer Landtag zu verschwinden.

Hinterher konnte man den Erfurter Oberbürgermeister im Dubliner Irish Pub unweit der für die Sozialdemokraten unerreichbaren Staatskanzlei sehen, wo frustrierte Genossen ihren Kummer über desaströse 12,4 Prozent in teils Höherprozentigem ersäuften. Hier wie dort wirkte er fröhlich. Und ein Wegbegleiter sagte am Tresen auf die Frage, welche Regierung es denn in Thüringen geben werde: Rot-Rot-Grün – weil Bausewein SPD-Landesvorsitzender werde und es wolle.

Matschie belegte Platz vier

Ganz so einfach ist die Angelegenheit natürlich nicht. Dass von Bausewein einiges abhängen wird, ist aber amtlich. Noch am Montagabend nominierte ihn der Vorstand der gerupften Thüringen-SPD für das Führungsamt. Er wird Noch-Bildungsminister Christoph Matschie ablösen. Sozialministerin Heike Taubert ist als kläglich gescheiterte Spitzenkandidatin abgeschlagen.

Der im vorigen Jahr zurück getretene Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) hatte bereits 2012 gesagt, wenn irgendjemand unter den Sozialdemokraten des Landes etwas tauge, dann sei es dieser Bausewein. Nun ist bekannt, dass Machnig mit den Genossen im Freistaat noch eine Rechnung offen hat, weil die ihn wegen der Affäre um doppelte Bezüge als Wirtschaftsminister und pensionierter Berliner Umweltstaatssekretär fallen ließen.

Bekannt ist ebenfalls, dass SPD-Chef Sigmar Gabriel ein dicker Kumpel Machnigs ist. Man braucht also nur eins und eins zusammen zu zählen, um zu ergründen, warum Gabriel schon bald nach Schließung der Wahllokale auf die Parteifreunde in Erfurt losging und Bausewein gewissermaßen den Weg freischoss. Das war Machnigs späte Rache. Im Umfeld der letzten Wahl hatte er Bauseweins Aufstieg noch verhindert, weil beide über Rot-Rot-Grün unterschiedlich dachten.

Tatsächlich hat der kräftige OB und stellvertretende SPD-Landesvorsitzende einiges vorzuweisen. Der Erfurter wurde zweimal mit einer 60 Prozent-Mehrheit zum Chef im Rathaus gewählt, zuletzt im ersten Wahlgang. Die Stadt sieht prächtig aus. Mancher hätte es gern gesehen, wenn Bausewein schon jetzt als Spitzenkandidat angetreten wäre. Er wollte nicht. Seine Frau war schwer krank. Zudem hatte er 2012 zugesagt, für die ganze Wahlperiode Oberbürgermeister zu bleiben. Seit Sonntag ist Matschie verschlissen. Er errang in seinem Wahlkreis Jena Platz vier – und das als Vizeministerpräsident. Manches spricht dafür, dass der SPD-Kandidat für die Landtagswahl 2019 schon fest steht: Andreas Bausewein.

Gretchenfrage Rot-Rot-Grün

Bleibt die nicht unwesentliche Frage, was jetzt geschieht. Bausewein gilt seit langem als Befürworter eines rot-rot-grünen Bündnisses – auch wenn die Linke mit Bodo Ramelow den Ministerpräsidenten stellen sollte. Schließlich macht er in Erfurt mit Linken und Grünen gemeinsam Politik.

Die Linke half ihm 2006 in den Rathaus-Sattel. Freilich hängt es von vielen Faktoren ab, wie es in Thüringen weiter geht. Lässt sich mit einer Ein-Stimmen-Mehrheit stabil regieren? Und welche Rolle soll die SPD in einer Koalition spielen, in der die Linke superpragmatisch auftritt? Beobachter mutmaßen, Bausewein könne kein Interesse daran haben, Ramelow zum Regierungschef aufzubauen, weil das seine Chancen 2019 schmälere.

Auch deshalb bleibt vorerst einiges offen in Thüringen. Bausewein wird es richten müssen. Irgendwie.