Altbischof Ingo Braecklein, der von 1956 bis 1987 als IM "Ingo" vom MfS geführt wurde, ist gestern von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen mit einem Festakt zu seinem 90. Geburtstag geehrt worden. Die Jugendkammer der Kirche hatte zuvor gefordert, Braeckleins Stasi-Verstrickung offenzulegen.Zum Festakt war Landesjugendfarrer Christhard Wagner nicht erschienen. Der amtierende Landesbischof Roland Hoffmann würdigte Braecklein als Geistlichen, den zu DDR-Zeiten die Angst umgetrieben habe, daß die Kirchen "liquidiert" werden könnten. "Dieses zu verhindern" sei das Ziel seines gesamten Einsatzes in der Kirche gewesen. Zur jahrzehntelangen Zusammenarbeit Braeckleins mit der Stasi sagte er knapp, die Beweggründe für solches Handeln müßten "genau angeschaut" werden. Zu den mehr als 200 Festgästen zählten die Alt-Bischöfe Leich, Krusche und Schönherr. Der frühere Konsistorialpräsident der Berlin-Brandenburger Kirche, Manfred Stolpe, den viele erwartet hatten, kam nicht. Enttäuscht über den mangelnden Aufarbeitungswillen der Thüringer Kirche äußerte sich Landesjugendpfarrer Christhard Wagner, Mitglied des kirchlichen Stasi-Überprüfungsausschusses. Seit der Wende fordere die Jugendkammer die Kirchenleitung auf, "offensiv die Stasi-Verstrickungen ihrer Mitarbeiter aufzudecken". Dies sei "im Fall Braecklein wieder nicht geschehen". Inzwischen seien nicht die stasibelasteten Mitarbeiter, sondern diejenigen, die auf Aufarbeitung drängen, "endlos resigniert".Von einem "düsteren Kapitel Thüringer Kirchengeschichte" spricht Pfarrer Walter Schilling vom Arbeitskreis "Wahrhaftigkeit in der Kirche" im Zusammenhang mit der Braecklein-Ehrung. Wie keine andere sei die Thüringer Kirche in der DDR von der Stasi unterwandert gewesen. Von Mitte der 70er Jahre bis 1984 habe "die überwiegende Mehrheit der Kirchenleitungsmitglieder als IM eng mit der Stasi zusammengearbeitet und viele Entscheidungen im Sinn des MfS beeinflußt", sagt Schilling. Das MfS hatte seinem Mitarbeiter "Ingo" bereits 1960 bescheinigt, der IM erkenne "als leitender Geistlicher voll die DDR als seine `Obrigkeit` an".Schilling selbst geriet 1974 als Leiter eines Jugendheims ins Visier der Stasi. Mit umfangreichen "Zersetzungsplänen" versuchte sie, den aufmüpfigen Pfarrer aus dem Amt zu drängen. In einem Protokoll der MfS-Kreisdienststelle Rudolstadt vom 17.7.74 heißt es: "Der Landesbischof betonte,... er wäre froh, wenn staatliche Maßnahmen gegen Schilling eingeleitet würden". Man einigte sich, daß die "Klärung der Angelegenheit... durch die Landeskirche erfolgt". Bald darauf verlor Schilling sein Amt als Jugendheimleiter; das Heim wurde zeitweilig geschlossen. +++

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