"Der wunderbar leichte, schwebende, man möchte sagen: durchsichtige Sopran, der Zauber dieser Stimme, die wirklich schöne und edle Haltung nehmen das Haus ganz gefangen", bemerkte der Berliner Kritiker Edwin v. d. Nüll nach einer "Lohengrin"-Inszenierung, in der Tiana Lemnitz die Elsa sang. Diese Rolle war eine ihrer ersten Partien an der Staatsoper Unter den Linden, zu deren festen Mitgliedern sie seit 1934 gehörte. Doch schon vorher machten Gastspielauftritte in der Hauptstadt auf das Talent aus der Provinz aufmerksam.Ins Fach gewachsenWie damals noch üblich, entwlkkelten sich Karrieren an Stadttheatern sehr behutsam unter der Obhut von verantwortungsbewußten Kapelimeistem. Die erkannten zumeist die wahren Werte der ihnen anvertrauten jungen Künstler. Im Falle von Tiana Lemnitz, die am 26. Oktober 1897 im iothringischen Metz geboren wurde und am Hochsehen Konservatorium in Frankfurt/Main ihre Gesangsausbildung erhielt, waren es Heiibronn, Aachen und Hannover. Dort wuchs sie seit 1920 langsam, aber zielstrebig in ihr Stimmfach hinein. Von der Lyrik Mozarts, Webers und Wagners fühlte sie sich besonders angezogen, denn das Innige und Seelenvolle entsprach Ihrem Naturell. So wurde sie denn an der Lindenoper zum Inbegriff des lyrischen Soprans. In rascher Folge eroberte sich Tiana Lemnitz eine Glanzrolle nach der anderen, wurde ein Star des Ensembles.Ob feuriger Octavian, gefühlsinnige Marschallin in Straussens "Rosenkavalier" oder beseelte "Freischütz"Agathe -- immer wußte sie das Innere ihrer Figuren ohne Pathos und heroische Attitüde zu gestalten. Kritiker lobten ihre "feinsinnige, durchgeistigte Art des Vortrags", ihre "Wärme und Nobiesse". Die konnte man auch in der iegendären "Zaubefflöten"-inszenierupg von Gustaf Gründgens (1938) bewundern: Unter Karajans Leitung sang sie an der Seite von Rosvaenge (Tarnino), Berger (Königin der Nacht), Roekelmann (Sprecher) und Manowarda (Arastro) eine nahezu ideale Pamlna.Auf ihr leuchtendes Pianissimo, das ihr den Namen "Piano-Lemnitz" eintrug, legte die Kammersängerin stets mehr Wert als auf Dramatik. Berlin schwärmte davon so wie Salzburg, Wien, London und München.20 Jahre OperntreueNach dem Krieg, der das Opernhaus als Ruine hinterließ, war die Lemnitz selbstverständlich wieder dabei. Im Admiralspaiast sang sie bei der festlichen Eröffnung am 8. September 1945 die Glucksehe Eurydike, sorgte unter Erich Klelbers Leitung 1951 als Marschallin erneut für ein bewegendes Erlebnis. Vier Jahre später verabschiedete sie sich von der Lindenoper, der sie über zwanzig Jahre die Treue hielt. Als Gesangsprofessorin gab sie ihre reichen Erfahrungen an den Nachwuchs weiter. In der vergangenen Woche, am 5. Februar, ist die letzte der großen deutschen Beicantosängerinnen gestorben. Außer der Erinnerung bleiben Schallplatten, die ihre Stimme voller Klangschönheit bewahren. Tiana Lemnitz im Jahre 1936. Foto: Ullstein