BERLIN, 2. Juli. Nein, von einer persönlichen Niederlage wollte Hartmut Mehdorn am Mittwoch auf gar keinen Fall sprechen. "Wir haben verstanden. Wir haben geändert", so erklärte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn (DB), warum sich die Fahrgäste des Fernverkehrs bald wieder auf ein neues Preissystem einstellen müssen - und zwar schon zum 1. August. Die heutige Tarifstruktur, die erst am 15. Dezember vergangenen Jahres eingeführt worden war, habe bei zahlreichen Kunden keine Akzeptanz gefunden und galt vielen als zu kompliziert. "Darauf reagieren wir jetzt." Der Manager, der Kritiker bislang meist abgekanzelt oder (im Fall von Pro Bahn) sogar verklagt hatte, wirkte ungewöhnlich friedfertig. Bahncard 50: Vom kommenden Monat an gibt es wieder eine Karte, die 50 Prozent Rabatt auf den DB-Normalpreis gewährt. Dies hatten Fahrgast- und Umweltverbände gefordert. Die neue Bahncard 50 gewährt volle Flexibilität. Um in den Genuss der Ermäßigung zu kommen, müssen sich die Fahrgäste also nicht vorab auf eine bestimmte Zugverbindung festlegen. Den Preisnachlass gibt es nicht nur für Reisen im Intercity Express oder anderen Fernzügen, sondern auch für Fahrten im Regionalverkehr - so lange dort, zum Beispiel zwischen Berlin und Rostock, der DB-Tarif gilt. Allerdings kostet die Bahncard mehr als ihre Vorgängerin, die im Winter aus dem Angebot verschwand: in der zweiten Klasse 200 Euro (früher 140 Euro). "Dafür erhalten anders als bislang auch Mitfahrer Rabatt", sagte Mehdorn. Außerdem kostet die Karte für Ehe- und Lebenspartner, Schüler und Studierende bis 26 Jahre, Auszubildende, Senioren ab 60 Jahre und Schwerbehinderte nur die Hälfte.Bahncard 25: Wer nicht so viel Zug fährt, für den gibt es weiterhin eine billigere Rabattkarte - die den Preis aber nur um ein Viertel senkt. Mehdorn: "Sie rechnet sich für alle, die im Jahr für 200 Euro verreisen." Ab August kostet diese Karte für die zweite Klasse 50 Euro - zurzeit sind es 60 Euro. Dafür wird die Ermäßigung anders als heute lediglich auf den Normalpreis, nicht mehr auch auf Frühbucher-Sparpreise angerechnet. Das gilt aber nur für künftig verkaufte Karten. Wer schon eine Bahncard 25 hat, genießt die bisherigen Konditionen bis Ende September 2004.Bahncard 100: Die Karte ersetzt die bisherige persönliche Jahres-Netzkarte und wird billiger als diese. Für die zweite Klasse kostet sie statt 3 350 Euro künftig 3 000 Euro. Sparpreise: Auch ohne Bahncard gibt es im Fernverkehr Rabatte - allerdings nur dann, wenn sich der Reisende auf eine Verbindung festlegt. Außerdem ist das Angebot begrenzt, vor allem zur Hauptverkehrszeit kann es auch ausverkauft sein. Noch gibt es drei so genannte Plan-und-Spar-Rabatte. "Zu kompliziert", sagte Mehdorn. Ab August gibt es lediglich zwei Sparpreise - zu 25 und zu 50 Prozent Rabatt, je nach Kontingent. Beide Angebote müssen nur noch mindestens drei Tage im Voraus gebucht werden, zurzeit gilt in der höchsten Stufe eine Frist von sieben Tagen. Eine weitere Regel wird ebenfalls gelockert: die so genannte Wochenendbindung. Bislang gab es die größte Ermäßigung nur dann, wenn zwischen der Hin- und Rückfahrt eine Nacht von Sonnabend auf Sonntag lag. Künftig sind auch Tagesreisen am Sonnabend oder am Sonntag möglich. Andere Teile des Preissystems bleiben erhalten. Zum Beispiel die Rabatte, die Tickets für Mitfahrer um die Hälfte verbilligen, wie Personenverkehrsvorstand Karl-Friedrich Rausch betonte. Oder die Möglichkeit, Kinder bis 14 Jahren kostenlos mitnehmen zu dürfen. Wer eine neue Bahncard will, tauscht seine alte um - gegen Zahlung der Differenz. "Wir gehen davon aus, dass wir mit dieser Änderung Erfolg haben", sagte Mehdorn. Bislang sehen die Daten für die Bahn schlecht aus. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Fahrgäste im Fernverkehr während der ersten drei Monate dieses Jahres um 10,6 Prozent auf 27 Millionen gesunken - verglichen mit dem ersten Quartal 2002. Bei Reisen von mehr als 500 Kilometern sank der Umsatz um 13 Prozent, musste der Bahn-Chef zugeben. "Das hat mit der Konkurrenz der Billigflieger zu tun, die anders als wir keine Öko- und Mineralölsteuer zahlen." Für die Einbuße sei auch die schlechte Konjunktur verantwortlich. Im Bereich zwischen 200 und 500 Kilometern habe die Bahn dagegen 1,5 Prozent mehr Umsatz erzielt. "Von einer desaströsen Lage kann keine Rede sein." Die DB habe lange Durchhalteparolen verbreitet, gestand Mehdorn ein. "Wir wollten dem System eine Bewährungschance geben. Es gab in der Öffentlichkeit auch eine Jagd darauf. Da kann man nicht nach dem ersten Klingelzeichen sagen: Wir ändern alles wieder." Bundesverbraucherministerin Renate Künast (Grüne) nannte die Änderung einen Schritt "zu mehr Transparenz und Kundenfreundlichkeit".Erfolgsmodelle // Die Schweiz war das große Vorbild. 1988 forderten Bürgerinitiativen erstmals, auch in Deutschland ein "Halb-Tax-Abo" einzuführen. Mit diesem Angebot der Schweizerischen Bahnen gibt es 50 Prozent Ermäßigung. Heute kostet es für ein Jahr 150 Franken, das sind ungefähr 96 Euro. In Österreich gibt es die "Vorteilscard", die 45 Prozent Nachlass gewährt (bei Internetbuchung 50 Prozent). Preis pro Jahr: 93,70 Euro.In Deutschland wurde 1992 eine Halbpreiskarte eingeführt: die Bahncard für 220 Mark (zweite Klasse) oder 440 Mark (erste Klasse). In zwei Jahren stieg die Zahl der Käufer auf drei Millionen. Die Karte kostete zuletzt 140 Euro für die zweite und 280 Euro für die erste Klasse. Zum 15. Dezember 2002 wurde sie abgeschafft - trotz Protests. Die seitdem verkaufte Bahncard (60 bzw. 150 Euro) ermäßigt den Normalpreis nur um ein Viertel, kann aber zurzeit noch mit weiteren Rabatten kombiniert werden. Auch heute sind drei Millionen Bahncards im Umlauf - alte und neue.Von August an gibt es wieder eine Bahncard, die den DB-Normalpreis um 50 Prozent ermäßigt. In Verkehrsverbünden, die das Angebot akzeptieren (etwa im VBB Berlin-Brandenburg), gewährt sie 25 Prozent Rabatt. Preis: 200 Euro in der zweiten, 400 Euro in der ersten Klasse. Info: Tel. (0 18 05) 3 55 553.DPA/WERNER BAUM Fahrgastrückgang und sinkende Einnahmen bei der Bahn. Jetzt lockt das Unternehmen Kunden mit neuen Angeboten.QUELLE: STAT. BUNDESAMT; BERLINER ZEITUNG/ANJA KÜHL Einnahmen / Beförderte Personen.AP/MICHAEL PROBST