BERLIN, 10. Januar. Zwei Verleger stehen seit dem gestrigen Montag wegen Veröffentlichung der Memoiren des einstigen Verfassungsschützers Hansjoachim Tiedge vor dem Berliner Landgericht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 45-jährigen Matthias Oehme und der 35-jährigen Jacqueline Kühne, beide Geschäftsführer des Verlages "Das neue Berlin", Beihilfe zum Geheimnisverrat vor. Fast 20 Jahre hatte Hansjoachim Tiedge beim Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz gearbeitet, zuletzt als Chef des Bereichs DDR-Spionageabwehr. 1985 lief er in die DDR über und legte dem Gegner Staatssicherheit dar, was er wusste. 13 Jahre später erschien in Deutschland sein Buch "Der Überläufer", worin Tiedge unter anderem die Struktur und Arbeitsweise des Bundesamtes für Verfassungsschutz schildert und ehemalige Kollegen mit Klarnamen nennt. Das Manuskript hatte Tiedge in Moskau geschrieben, wo er seit 1990 lebt. In Deutschland, wo er noch auf der Fahndungsliste steht, bot er es über seine Anwältin Verlagen an. "Das neue Berlin" brachte schließlich Tiedges Lebensbeichte heraus. "Das Manuskript", sagte Verleger Oehme vor Gericht, "lag schon eine Weile rum." Tiedge selbst bekam er nicht zu Gesicht. "Er rief nur einmal an, um nach seinem Honorar zu fragen."Für Oehme ist Tiedges Werk "typische Beamtenprosa". Man habe das Buch nur gedruckt, weil es zeigt, welche Auswirkung die Arbeit beim Verfassungsschutz auf eine labile Persönlichkeit wie Tiedge habe. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders. Durch die Veröffentlichung werde die Arbeit des Bundesamtes erheblich erschwert, würden öffentliche Interessen gefährdet, heißt es in der Anklage. Lebensbeichte im InternetEntscheidende Frage des Prozesses ist, ob durch die Veröffentlichung des Buches in der Tat Geheimnisse verraten wurden. "Der wirkliche Geheimnisverrat fand 1985 statt, als sich Tiedge der Stasi offenbarte", sagte Oehme-Verteidiger Wolfgang Ziegler. Außerdem seien die Tiedge-Memoiren zuvor im Internet verbreitet worden. Wer sie dort hineingestellt hat, ist unklar. Verleger Oehme erklärte, dass er deshalb Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Verletzung des Urheberrechts erstattete. Zuvor hatte sein Verlag Tiedges Lebensbeichte bereits in Druck gegeben. Die Auslieferung wurde zunächst verhindert, weil die Berliner Justiz einen Beschlagnahmebeschluss erließ. Kurz nach der Internet-Veröffentlichung brachte der Verlag die Memoiren trotz Verbots auf den Markt. Die Staatsanwaltschaft ließ sie umgehend beschlagnahmen.Jetzt ist das Buch wieder zu haben. Das Landgericht Berlin hatte den Beschlagnahmebeschluss Anfang letzten Jahres wieder aufgehoben. Nach Verlagsangaben wurden inzwischen rund 10 000 Stück verkauft.