Kein Zweifel, es ist das Jahr der Theaterredakteure.Erst löste die Entlassung des Feuilletonchefs der "Badischen Zeitung", Gerhard Jörder, im beschaulichen Freiburg eine Art Massenpanik aus, nun droht die Kündigung des "Zeit"-Feuilletonisten Benjamin Henrichs, den "Planeten Speersort" (die "Zeit" über sich selbst) aus der Umlaufbahn zu werfen: Die gesamte Population wartet am Donnerstag in der Redaktionskonferenz auf klärende Worte des neuen Chefredakteurs Roger de Weck, und Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff brach gar ihren Italienurlaub ab, um ­ wie es h eißt ­ "zu retten, was zu retten ist".Grundfeste erschüttert Viel wird das nicht sein. Denn der Streit zwischen dem Edelautor Henrichs und seiner Ressortleiterin Sigrid Löffler reicht in die Grundfeste der Hamburger Wochenzeitung, die ihren Redakteuren seit jeher mehr Freiraum einräumte, als es bei Zeitungen gemein üblich ist. So wurde dem Theaterredakteur Benjamin Henrichs einst vertraglich zugesichert, autark über die Vergabe von Rezensionen bestimmen zu können ­ eine Aufgabe, die normalerweise Ressortleitern vorbehalten ist. So war es auch Sigrid Löffler gewohnt, als sie im November letzten Jahres zur "Zeit" wechselte, um die Leitung des Feuilletons zu übernehmen. Doch dort stieß sie auf eine Ansammlung selbstbewußter Häuptlinge: Einer fürs Theater, einer für Literatur, einer für Film, einer für Musik.Ein Hierarchie-Verständnis, mit dem auch Chefredakteur de Weck konfrontiert wurde, als ihn der geharnischte Brief des Kulturredakteurs Rolf Michaelis erreichte, der de Weck ohne lange diplomatische Vorrede ("Herr Chefredakteur!") des Verrats an der gemeinsamen Sache bezichtigte: "Sie dulden, daß die von Ihnen gemachte Zeitung aus den eigenen Reihen niedergemacht wird. Na, gute Nacht, Herr de Weck." Der Gescholtene will nun in Einzelgesprächen die Sachlage klären. Dabei wird auch zur Sprache kommen, ob Löffler, wie Henrichs behauptet, "der Haß auf die lieben Kollegen wichtiger ist als ihr Job".Doch an eine erfolgreiche Moderation von de Weck glaubt so recht niemand. Zu tief ist mittlerweile der Graben, der sich durch das Ressort zieht. Auf der einen Seite Löffler und die von ihr eingestellten Redakteure, auf der anderen eine Riege gedienter Autoren, die bei wichtigen Entscheidungen konsultiert werden will. Und die ihrer neuen Chefin nicht nur die Führungsqualität abspricht, sondern auch deren intellektuelles Niveau angreift.Keine Einigung in Sicht Denn nicht als Diskussion um Debatten- oder Rezensionsfeuilleton wollen die alten Redakteure ihren Kulturkampf interpretiert wissen, sondern als Auseinandersetzung um Qualität. "Daß bei uns seit zwanzig Jahren ergraute Redakteure überlange Beiträge schreiben, ist ein gängiges Vorurteil, aber blanker Unsinn", sagt Filmredakteur Andreas Kilb, selbst erst 36 Jahre alt, aber schon seit zehn Jahren im Amt.So ging es denn auf der Kultur-Konferenz am Dienstag recht lautstark zu. In der Sache wurde keine Einigung erzielt. Zumindest habe Löffler das Gespräch nicht dementiert, das zu Hendrichs Kündigung geführt hat; ihm soll sie gesagt haben, daß sie "ein Spielchen" mit ihm spielt (die Berliner Zeitung berichtete am Dienstag). Aus dem Spielchen ist nun bitterer Ernst geworden. Nicht nur Henrichs und Michaelis sind bereit zu gehen, auch andere Redakteure raunen von Kündigung, falls Sigrid Löffler im Amt bleibe. Daß das nur von ihr selbst abhängt, ist allen klar. Denn Chefredakteur Roger de Weck kann nicht anders als die umstrittene Journalistin stützen, ohne zu riskieren, als erpreßbar zu gelten.Wie grotesk die Situation mittlerweile ist, dürfte Roger de Weck spätestens bei der Lektüre des Berliner "Tagesspiegels" klargeworden sein, der wie die "Zeit" im Holtzbrinck-Verlag erscheint. In der Mittwoch-Ausgabe wirft sich ausgerechnet Hellmuth Karasek für Sigrid Löffler in die Bresche, mit der er allmonatlich im "Literarischen Quartett" plaudert. "Die Feuilleton-Redakteure würden eine beleidigt drohende Haltung einnehmen, wenn auch nur ein neuer Name auftaucht", schreibt Karasek. Daß er einst selbst hinter den Kulissen der "Zeit" auftauchte, um sich dort als Feuilletonchef zu empfehlen, schreibt er nicht. Das war an der Intervention der Kulturredakteure gescheitert ­ allen voran Benjamin Henrichs.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.