Barfuß und im Nachthemd, so steht sie vor ihm. Genauer gesagt hängt sie erst einmal, damit er sie herunterholen und das Märchen seinen Lauf nehmen kann. Er - das ist Nick, ein Frauenheld und Tagedieb, den ein Job als Putzkraft in eine psychiatrische Klinik verschlagen hat. Sie - das ist Leila, dortselbst Patientin, ein Ätherwesen im Sterntalergewand. Der Suizidversuch bringt zwei Menschen zusammen, die nicht zusammengehören.Nick, das wissen wir aus einer vorigen Szene, hat von Verantwortung keinen blassen Schimmer. Leila gehört zu den Menschen, die man keinesfalls unter seine Obhut geben sollte. Von ihrer Mutter zeitlebens unter Verschluss gehalten, nun Insassin einer autoritär geführten Zuchtanstalt, wäre sie in der Welt da draußen verloren. Nein, es besteht wirklich kein Anlass, dass Nick sich mit so einer abgibt. Aber dann, wie gesagt, gäbe es kein Märchen. Und das ist doch das wichtigste.Leila tippelt Nick hinterher auf ihren nackten Füßen: Er wird ungewollt ihr Kidnapper; sie glaubt bald fest, einen Freund gefunden zu haben. Einen ganzen langen Film lang wird er ihr weder Schuhe noch etwas Wärmeres zum Anziehen besorgen. Stattdessen wird er das Mädchen in Uniform in seine Kreise einführen, wo sie in mal heitere, mal ganz üble Situationen gerät und durch ihre Weltfremdheit alles durcheinander bringt. Wenn jemand sagt, dass Nick hier eine Riesendummheit begeht, ist das die Mutter Oberin aus der Anstalt und ein böser Mensch. Eine von denen, die nicht begreifen, dass sich zwischen Leila und ihrem Beschützer inzwischen etwas ganz Besonderes entwickelt hat. Dass das scheue Reh seinen Auslauf braucht! Leila weiß nicht, was eine Fahrkarte ist, sie beißt in Kokosnüsse und zeigt einem verwirrten Freier, was sie unter "Blasen" versteht. Aber Nick wird sie erlösen, so wie sie ihn erlöst, indem sie seiner gescheiterten Existenz einen Sinn gibt. Krankheit als Weg.Dann machen wir doch gleich ein Road Movie daraus. In seiner zweiten Regiearbeit nach "Der Eisbär" zeigt Til Schweiger, dass er wirklich nichts verlernt hat. Das längst überwunden geglaubte deutsche Kino der 90er, ein Gefälligkeitskino der totalen Belang- und Bezuglosigkeit, ist wieder da. Er operiert sogar als Produzent wie damals bei "Knocking on Heaven's Door", in dem er noch selbst das Mimöschen spielte und on the road sein Glück fand. In "Barfuß" ist endlich alles dem Zweck untergeordnet, den Tausendsassa in all seinen Facetten vorzuführen: nachdenklich, sensibel, mal ein sympathischer Trottel, mal das echte Mannsbild, das er in seiner Werbung für Herrenanzüge ausstellte.Das aber scheint nur im Märchen möglich zu sein. Oder wie sonst lässt sich erklären, dass seine Filme so oft und auch hier in einer nicht zu erkennenden deutschen Klein- oder Großstadt spielen; dass ein komplexes Lichtdesign jede Ahnung von Realität zunichte machen soll? Die Schweigersche Katharsis, also eine Entwicklung, ist niemals von dieser Welt. Dass Schweigers Märchentraumland vielleicht Amerika sein könnte, erkennt man an den Automarken. Auch den Stoff für seine romantic comedy hat er sich dort besorgt, zu Anfang hieß das Drehbuch noch "Barefoot".Ob sich der US-Markt für die Schauspieler begeistern wird, die er sich zum Amüsement des deutschen Publikums eingekauft hat? Jürgen Vogel, Michael Gwisdek, Markus Maria Profitlich und Armin Rohde liefern Kabinettstückchen in Chargenrollen; aus den 50er-Jahren, Dreh- und Angelpunkt des Schweiger-Kinos, kommt Nadja Tiller hereingeschneit. Dass die Theater-Mimin Johanna Wokalek dieses Ensemble an die Wand spielt, ist angesichts ihrer haarsträubenden Rolle alles andere als selbstverständlich.Barfuß Deutschland 2005. Regie: Til Schweiger, Drehbuch: Til Schweiger, Jann Preuss, Steven Zotnowsky, Dina Marie Chapman, Nika von Altenstadt, Kamera: Christoph Wahl, Darsteller: Darsteller: Til Schweiger, Johanna Wokalek, Steffen Wink, Michael Mendl, Nadja Tiller u. a.; 115 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Nick (Til Schweiger) unterweist Leila (Johanna Wokalek) auf seine Art in praktischer Lebensführung.