Tim Hoffmann

Tim Hoffmann hat den Sektempfang im alten Schulgebäude der 12C1 verpasst. Erst als die Klasse vom Hausvogteiplatz hinüber in die Stadtbibliothek in der Breiten Straße geht, wo das Schularchiv liegt, stößt er auf die alten Kameraden. Er wird fröhlich begrüßt. Tim Hoffmann muss ein beliebter Mitschüler gewesen sein.

„Ich war der Klassenclown, wahrscheinlich, weil ich die Schauspielerei schon damals im Blut hatte. Mein Vater hat gesagt: Du brauchst die beste Ausbildung, Junge, Klavier, Latein und Griechisch. Er war Schauspieler und Theaterleiter, A. P. Hoffmann, lange am Deutschen Theater, hat mit Winterstein dort den Nathan aufgeführt. Vorher war er Theaterdirektor in Rostock, dort hab ich bestimmt 80 Mal den Wilhelm Tell gesehen. Meine Mutter hatte drei Geschwister in Westberlin, sie war nach dem Mauerbau ganz gram, weil sie die Kinder nicht sehen konnte. Ein Bruder hatte in Halle einen Verlag, der ist verstaatlicht worden, da ist er in den Westen gegangen.

Nach dem Abi habe ich ein halbes Jahr als Requisiteur am Deutschen Theater gearbeitet. Als ich Klaus Piontek in ,Candida‘ von Show sah, dachte ich, das willst du auch spielen. Von diesem Moment an war klar, dass ich Schauspieler werde. Ich war nichts für die große Bühne, da reichte meine Stimme nicht, ich ging zum Maxim Gorki Theater. 43 Jahre gehörte ich zum Ensemble. In der SED war ich nie, ich habe was gegen Organisationen, die behaupten, dass sie recht haben. Und ich hab immer was gegen Verordnungen gehabt. Ich war in der Gewerkschaft, Leiter der Revisionskommission.

Zweimal hatte ich Krebs, Rachen und Harnblase, sie haben mir eine Darmschlinge gelegt, das wurde nur 18 Mal in Deutschland gemacht und die meisten sind gestorben. Ich pinkel jetzt nach hinten raus, der Gerald Brien aus unserer Klasse, der mein Urologe war, sagt, ich hätte einen prima Schließmuskel.

Wir waren noch viele Jahre nach dem Abitur eine Truppe von fünf Leuten, die befreundet waren. Erhard Paulick war dabei, seine Frau Barbara und Waltraut Hupp. Sie sind beide gestorben. Die Waltraut habe ich im Krankenhaus besucht, da war sie schon ganz bleich vom Krebs. ,He, hör auf, ich kann nicht lachen‘, hat sie gesagt, als sie mich nur sah. Es war das größte Kompliment für mich. Ich habe für beide die Trauerreden gehalten. Die für Barbara Paulick habe ich mit dem Wort Scheiße begonnen. Der Erhard fand das in Ordnung, wir hatten das vorher abgesprochen. Aber unser Klassenlehrer Höhne war entrüstet, er fand das respektlos und hat ewig nicht mit mir gesprochen.

Ich verbringe die Sommer mit meiner achtundneunzigjährigen Mutter in unserer Kate auf Usedom. Sie war auch Schauspielerin. Das ist jetzt meine Lebensaufgabe. Auch in Berlin leben wir in einem Mietshaus, aber in getrennten Wohnungen. Früher war es bei uns auf Usedom voller Leben, jetzt sind wir beide allein. Aber wir leben noch, wer weiß, wie lange. Manchmal kommt meine Tochter, sie ist auch Schauspielerin, in Halle. Das muss in der Familie liegen. Ihre Mutter ist auch Schauspielerin, Uta Schorn. Ich muss jetzt in die Küche, Mutter braucht ihr Abendbrot.“



Berliner Zeitung, 13.08.2011