Noch betreut Tim Renner, Chef von Universal Music Deutschland, von Hamburg aus Weltstars wie Rammstein und Eminem. Ab Juli will er mit seinem Unternehmen nach Berlin umziehen. Welche Schwierigkeiten damit verbunden waren und warum ihn die Hauptstadt magisch anzog, berichtet er im Gespräch mit der "Berliner Zeitung".Herr Renner, zeitweise schien es so, als seien Sie als Einziger bei Universal von der Idee begeistert, nach Berlin umzuziehen.Das stimmt nicht, viele freuen sich inzwischen auf Berlin. Zu Anfang hatten wir tatsächlich ein Problem. Die Ankündigung ist total in die Hose gegangen. Wir wollten das als glamourösen Event veranstalten. Der Saal war dunkel, auf der Bühne lief ein Image-Film von Berlin. Da kamen Buh-Rufe und weil ich niemanden sah, konnte ich nicht richtig auf die Rufer eingehen. Bei den Mitarbeitern muss der Eindruck entstanden sein, das Management ist total unbeholfen.Wie viele der 500 Mitarbeiter aus Hamburg kommen denn jetzt mit?Rund 60 Prozent unserer Belegschaft geht mit.Andere Musikfirmen entlassen Mitarbeiter. Werden sie die frei gewordenen Stellen neu besetzen?Wir werden etwa 200 neue Mitarbeiter einstellen. Zwar werden die Jobs zum Teil neu zugeschnitten, aber es wird keinen Abbau von Stellen geben.Was hat Berlin, dass Sie sich diesen Umzugsstress antun?Berlin bringt Veränderung - gerade für Hanseaten. Das ist wichtig, denn ich kann mir geistigen Stillstand nicht erlauben. Die Stadt ist flackerhaft. Hier entstehen schnell neue Dinge und werden schnell wieder überflüssig. In den Stadtteilen gibt es eine Mischung, im Guten wie im Schlechten. Wer wie in Hamburg Viertel sucht, in denen nur Rechtsanwälte und Ärzte wohnen, hat in Berlin keine Chance. Das ist spannend und rüttelt auf.Aber das war doch schon immer so. Was hat sich geändert, dass Sie gerade jetzt umziehen?Es gibt in der kreativen Szene zurzeit einen großen Drang, nach Berlin zu kommen. Das ist eine Gegenbewegung zu der berlinkritischen Haltung der 90er-Jahre.Weshalb gab es diese Ablehnung?Nach der Wiedervereinigung befürchteten wir, dass Deutschland ein zentralistischer Staat werden könnte. Mit einer Auferstehung Berlins in preußischer Tradition hat es zum Glück nicht geklappt. Die Stadt hat dadurch nur gewonnen. Denn vor einem schwachen Riesen braucht sich niemand zu fürchten. Kreative und Intellektuelle sehen das sehr positiv.Wieso nimmt die Stadt eine derartige Sonderstellung ein?Berlin ist Deutschlands größte Metropole und dazu Hauptstadt. Das zieht besonders junge Menschen an, die ein großes Potenzial für Erneuerung mitbringen. Darin liegt die Kraft der Stadt; sie kann die innovative Speerspitze werden.Das hört sich ja so an, als könne Berlin an die goldenen 20er-Jahre anschließen.Ich hoffe, dass es sich um etwas Neues handeln wird. Aber die Kultur wird tatsächlich wieder aufblühen, wenn es der Stadt gelingt, ihre zahlreichen Freiräume zu erhalten und sie nicht mit deutscher Gründlichkeit zu Tode reglementiert.Haben Sie bei dem rot-roten Senat solche Befürchtungen?Ich glaube, frei denkende Menschen trauen das eher einer Stadt mit einer Law-and-order-Politik zu, wie sie jetzt in Hamburg mit der Schill-Partei droht. Eine starke linke Regierung verschreckt mich dagegen nicht.Kein Wunder - als Jugendlicher haben Sie ja selbst proklamiert, man sollte die Kapitaleigner kasernieren .. und einer vernünftigen Arbeit zuführen, das war das Wesentliche. Da war ich noch ein bisschen jünger als heute.Dann könnten Sie den Wirtschaftssenator Gregor Gysi doch auch von der Marktwirtschaft überzeugen, wenn Sie diesen Wandel selbst vollzogen haben.Ich habe den Eindruck, der Mann ist an sich vom marktwirtschaftlichen System überzeugt. Alarmiert ist er nur, wenn es jede soziale Komponente zu verlieren droht. Das teile ich.Teilen das auch Ihre Chefs von Vivendi in Frankreich und von Universal in den USA?Bei den französischen Kollegen hatte ich keine Bedenken, dass die sich wegen eines postkommunistischen Wirtschaftssenators Sorgen machen. Gerade Paris hatte wirklich genug Regierungen mit kommunistischer Beteiligung.Und die Amerikaner?Da hatte ich eher gedacht, dass die ein Problem mit der PDS haben könnten. Aber sie sagten nur: Ach, die Postkommunisten sind doch in der Regel die, die ex-sozialistische Länder am besten sanieren können.Sie sind selbst Berliner .. mit sieben Jahren musste ich mit meinen Eltern nach Hamburg - ich kann mich nur noch an den Zahnarzt erinnern .. welche Hoffnungen verbinden Sie persönlich mit dem Umzug?Weil Berlin sich ständig wandelt, hoffe ich mit Universal die Stadt positiv mitgestalten zu können.Sie ziehen mit Ihrer Familie nach Charlottenburg - das ist nicht gerade das kreative Zentrum.Wir haben eine neun Jahre alte Tochter, für die der Umzug eh ein mittlerer Weltuntergang ist. Deshalb haben wir einen Stadtteil gesucht, wo der Unterschied zu Hamburg nicht so extrem ist. Die meisten Mitarbeiter ziehen nach Kreuzberg. Das wäre uns auch lieber gewesen, nur leider hat es die Stadt in dreißig Jahren nicht geschafft, dort vernünftige Integrationsschulen aufzubauen.Auch in Charlottenburg wird Ihre Tochter zur Schule gehen müssen. Wie sehen Sie die Berliner Bildungslandschaft?Zuerst hatten wir tatsächlich an eine Privatschule gedacht. Ich mag das eigentlich nicht, weil ich meine, man sollte Kinder nicht außerhalb der realen Welt groß ziehen. Eine Stärke Berlins ist ja, dass die Stadt an jeder Ecke ausstrahlt: Hallo, Wirklichkeit Deutschland!Sie haben eine staatliche Schule gefunden?Mit meiner Frau habe ich mir fünf Grundschulen angesehen und war positiv überrascht. Noch geht meine Tochter in Hamburg, der reichsten Stadt Deutschlands, zur Schule und muss dort Hausschuhe tragen, weil die Schule nur einmal die Woche geputzt wird. Der Lehrerausfall ist dort immens und das Gebäude eine einzige Bruchbude. In Berlin sind die Schulen dagegen in viel besserem Zustand, es gibt eine Vielfalt an Angeboten nach dem Unterricht und Lehrer unter 60. Folglich: Auch in der Bildung ist Berlin eindeutig besser als Hamburg.Das Gespräch führte Ruprecht Hammerschmidt."Berlins Kultur wird wieder aufblühen, wenn die Stadt ihre Freiräume erhält. " Tim Renner, Universal-Chef.DDP/MARCUS BRANDT Hat von Hamburg genug: Universal-Chef Tim Renner sucht die Nähe zur kreativen Szene in Berlin.