Seine ersten Sternstunden als Schauspieler hatte Tim Wilde ("Ossi's Eleven") schon als junger Facharbeiter für Heizungsbau in Stralsund - da wusste er bloß noch nicht, dass er mal vor der Kamera stehen würde. Völlig ohne Ahnung schaffte Wilde es an wechselnden Arbeitsstellen immer wieder, eine gewisse Kompetenz vorzugaukeln. Sein Trick: Er klopfte kennerisch mit Schraubenschlüsseln gegen Heizkörper und schloss aus den auf diese Weise erzeugten Geräuschen auf den Zustand der Heizung. Irgendwann fliegt so etwas natürlich auf, und man darf nur noch die schweren Heizkörper in den vierten Stock schleppen. Also sammelte Tim Wilde auch berufliche Erfahrungen als Platzwart, Kellner, Barkeeper, Möbelpacker und Werbezettelverteiler.Die jüngere deutsche Geschichte hat den Lebenslauf des 42-Jährigen gründlich durcheinander gewirbelt. "Schon ganz früh hatte ich den Plan, in den Westen abzuhauen. Ich habe mir überlegt, dass ich durch die Spree tauche." Die Ausbildung dafür wollte er sich bei der NVA holen, meldete sich deshalb freiwillig zu den Marinetauchern. Da Wilde vor seiner Armeezeit nie getaucht war, stellte er bei den Marinetauchern überraschend fest: "Ich bekam unter Wasser irrsinnige Angst." Für die Flucht in den Westen kam nur der Landweg infrage. Wilde gehörte zu den DDR-Flüchtlingen in der Bonner Botschaft in Prag. In Frankfurt am Main arbeitete er als Pfleger in einem Altenheim und sah den Mauerfall im Fernsehen. "Ich dachte sofort: Nun aber ab nach Berlin!" Wo er sich mit Gelegenheitsjobs durchwurschtelte.Mit 27 oder 28 Jahren, Mitte der 90er-Jahre, steckte Wilde tief in einer persönlichen Krise: "Ich habe mir gesagt, dass ich irgendwie ja mal mein Leben auf die Reihe kriegen muss. Und mich für eine achtwöchige Therapie gemeldet." Zu der gehörte zweimal pro Woche Theaterspielen. "Ich habe Regie und Hauptrolle übernommen. Und auch gleich die Stücke geschrieben. Nach den acht Wochen dachte ich: Exakt das ist es, was ich kann."Über sein Vorsprechen an der Ernst-Busch-Schule muss Wilde heute selbst lachen. "Ich ging mit zwei Reisetaschen hin und wunderte mich, dass die anderen kein Gepäck dabei hatten." Zwischen den Vorsprechrollen zog Wilde sich um und klebte sich Bärte ins Gesicht. So etwas hatte die Prüfungskommission wohl auch noch nie erlebt. Die Ablehnung konnte Wilde aber nicht aus der Bahn werfen: "Ich habe mir für 20 Vorstellungen der ,Räuber' am Schiller Theater die billigste Eintrittskarte gekauft und mich auf einen freien, teuren Platz vorn an der Bühne gesetzt." Sein Plan: Wilde wollte einen der Schauspieler kopieren. Auch damit fiel er beim Vorsprechen an der HdK durch: "Ein Desaster! Die lachten sich tot."Für den dritten Versuch, das Vorsprechen an der Fritz-Kirchhoff-Schule, nahm er sich eine Schauspiellehrerin - und wurde endlich angenommen.Auftritte in Werbespots, die die Regisseure Sönke Wortmann und Roland Suso Richter drehten, brachten Aufmerksamkeit und richtige Rollen in Filmen wie "Der Schuh des Manitu", "(T)Raumschiff Surprise - Periode 1" und "Die wilden Kerle 2". Als Titelheld drehte er in "Ossi's Eleven" mit einer Gruppe ostdeutscher Loser das ganz große Ding. Dieser Film liegt ihm besonders am Herzen: "Der gehört nicht zur Kategorie ,Ich war jung und brauchte das Geld', an die Dreharbeiten in Wolfen erinnere ich mich wirklich gern." Im Kino fand der Film nur wenige Zuschauer. Nun hofft Tim Wilde, der mit Frau und Sohn in Frohnau lebt, darauf, dass sich die gerade gestartete DVD ihr Publikum erobert.------------------------------Foto: Tim "Oswald, genannt Ossi" Wilde (4. v. l.) und seine Spießgesellen in "Ossi's Eleven"------------------------------Foto: Tim Wilde war schon Platzwart, Barkeeper und Möbelpacker. Über die Schauspielerei sagt er: "Das ist exakt das, was ich kann."

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