Tischtennis galt mal als Sport, dem man in holzvertäfelten Hobbykellern nachging und der Idole wie die beiden wunderbaren Fachidioten "Speedy" Fetzner und Jörg Rosskopf hervorbrachte. Da war es nur konsequent, dass auch das Berliner Nachtleben mit seinem Faible für Skurriles und Spießiges aus den Siebzigern diesen Sport für sich entdeckte, um ihn im Zuge des Retro als urban, schick und hip umzuwerten. Prompt stößt man in immer mehr Clubs auf und gegen Tischtennisplatten. Aber nirgends steht sie so im Vordergrund wie bei Dr. Pong in der Eberswalder Straße.Gerade der nur noch behauptet "szenigen" Kastanienallee entkommen und einmal nach links abgebogen, betritt man einen Raum, der mit seinem unverputzten Beton und der neonhellen Beleuchtung den Charme einer Trinkhalle im polnischen Slubice verströmt. In der Mitte entfaltet eine original Joola-2000-Turnierplatte ihre grüne Aura dafür umso besser. Entlang den Wänden steht karges Plastikmobiliar, auf dem sich die Spieler ausruhen, unterhalten, Bier trinken und rauchen. Bis der DJ um elf die Musik aufdreht und der Rundlauf beginnt - noch lange kein Grund, die Unterhaltung zu unterbrechen oder gar das Trinken und Rauchen einzustellen. Zigarette oder Bier werden erst weggelegt, wenn zum kurzen Finale zwei übrig geblieben sind und es ernst wird. Der Gewinner klopft anschließend lässig auf die Tischkante, und auf geht's zum nächsten geselligen Rundlauf.Hinter der Bar, die sich mit einem beleuchteten Minikicker, dem DJ-Pult und einer etwas bequemeren Sofa-Sitzgruppe im hinteren Teil befindet, steht Oliver Miller. Miller, 33, aus Santa Fe in New Mexico, Architekt und Schlagzeuger der Band Schenk on Coupland, eröffnete den Club Anfang 2004. "Wir spielten im Winter immer an den Freiluftplatten im Monbijou-Park, und das wurde uns einfach zu kalt", erzählt er. Also schuf er ein El Dorado für Freizeitspieler und Clubgänger. Dabei machte der Mann übrigens positive Erfahrungen mit den Berliner Behörden und deren Entgegenkommen bei der Lizenzvergabe: In seiner Heimat, so der seit fünf Jahren in Berlin lebende Amerikaner, wäre so ein Laden nicht möglich.An diesem Donnerstag ist Ladies Night, und es sind tatsächlich viele Mädchen hier. Weniger wegen des angebotenen Sekt-Freigetränks als vielmehr um die sonst in Überzahl befindlichen Jungs an der Tischtennisplatte beim Rundlauf aufzumischen. Unter ihnen sogar ein paar echte Cracks, wie das Mädchen im grünen Polohemd, das mit einem Bier in der Hand gekonnt seine Vorhand einzusetzen weiß. Zur Tarnung lässt es sich auch mal zwischendurch rauskegeln und überlässt die Platte anderen.Ein bisschen Tarnung schadet im Dr. Pong eben nicht, auf dessen Homepage (www.drpong.net) sich auch ein schön durchgeknalltes "Manifest" aus der Feder von Party-Player Oliver Miller findet. Hier wird Tischtennis als "gesunde Sucht" und "vorapokalyptische Betriebsamkeit" angepriesen, bei der man gleichzeitig die Kontrolle gewinnen und verlieren kann: "Wie die Leute auf freiem Fuß konnten wir uns von Zeit zu Zeit fragen, was wir hier genau behandeln und es nie wissen."Wem das nicht griffig genug ist, der kann sich zusätzliche Haftung mit dem "Andro Süßkind"-Schlägerbelag besorgen, der auf der Getränkekarte für 10 Euro und mit dem (lieber nicht übersetzten) Slogan "Sticky as a long, slow summertime fuck" angeboten wird. Wenn das "Speedy" Fetzner gewusst hätte.------------------------------Wechselnde DJs, wechselnde PartysDas Dr. Pong befindet sich an der Eberswalder Straße 21 in Prenzlauer Berg. Jeden Abend kann man sich dort ab 21 Uhr zu täglich wechselnden DJ-Sets warm spielen, sonntags werden die Kellen bereits ab 16 Uhr geschwungen.Nina Queer, Berlins zurzeit angesagteste Dragqueen, mietet das Dr. Pong, das sich keiner sexuellen Ausrichtung verpflichtet fühlt, regelmäßig für ihre Partys. Heute Abend lädt Nina Queer zur "weltgrößten schwulen Ping-Pong-Party".------------------------------Foto: Dorado für Freizeitsportler und Clubgänger: das Dr. Pong.

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