Normalerweise versuchen sie in Neuhardenberg schon am Vormittag mit den Proben zu beginnen. Aber wie das so ist beim Sommertheater: Mal regnet's, mal ist es zu heiß, und wenn das Wetter mitspielt, dann weilt einer der Beteiligten auf irgendeinem Filmset. Außer dem Erz-Künstler Jonathan Meese treten die Schauspieler Volker Spengler, Bernhard Schütz, Kathrin Angerer, Lilith Stangenberg und Martin Wuttke auf. Zudem führt Wuttke - fast schon ein Neuhardenberger Brauch - Regie. Er macht ein paar Tage vor der Premiere keinen besonders nervösen Eindruck. Das muss nichts heißen. Im letzten Jahr war die Premiere der erste Durchlauf.Frisch geduscht, mit Westernstiefeln, offenem Hemd und einem Kreuz um den Hals, lässt sich Wuttke auf einem der weißen Imbissmöbel nieder, wie sie in der koproduzierenden Volksbühne zerdroschen werden. Schaut durch seine Hornsonnenbrille auf das Bühnenbild, das Nina von Mechow und Meese gebaut haben. Es steht ein bisschen verloren mitten auf einer endlosen Wiese; der Blick spaziert zwischen steinalten Bäumen in die Weite; die Wolken bauschen sich; der Rasen ist von sattem Grün. In dieser Gegend tobte die größte Schlacht des 2. Weltkriegs auf deutschem Boden: 100 000 Soldaten blieben 1945 hier liegen. Bis heute finden Bauern bei der Feldarbeit Soldatenreste.Wuttke sitzt da und sinnt ein bisschen, bis man anfängt Deutungsvorschläge für das aus Brettern und Planen zusammengenagelte Büdchen zu machen: Sieht aus wie eine verlassene Bahnstation im Wilden Westen. Wuttke nickt. Oder wie im Slum. Wuttke nickt. Oder, nachdem man neben viel Stroh auch ein "Gold"-Schild gefunden hat, wie bei Rumpelstilzchen? Schließlich grenzt der künstlerische Erfolg aller Beteiligten an ein alchemistisches Wunder. Wuttke nickt.Es ist ein Geisterhaus, sagt er dann, man kann darin wohnen, wenn man will. Es gibt einen kleinen Stall mit Kronleuchter, eine Küche mit Kochplatte und oben ein Schlafzimmerchen, dekoriert mit einer Schultafel, auf der Menschenaffen im Grasland zu sehen sind. Auch schön grün.Die Butze besteht zu vielen Teilen aus dem Bühnenbild vom letzten Jahr, als Wuttke und Meese einen Nietzsche-Spaziergang mit Hochzeit, Staatsgründung und Wassermarsch schufen - die Kritiker waren ratlos, manche sauer. Als es abgespielt war, wurden die Bretter und Holztiere und Schilder mit Tiefladern für eine Ausstellung nach Paris transportiert. Wuttke freut sich darüber, er hat ja schließlich "mitgebastelt".Diesmal soll es um Rolf Dieter Brinkmann gehen. "Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand" heißt die Arbeit. Brinkmann, "das einzige Genie in der westdeutschen Literatur" (Heiner Müller), schrieb, klebte Collagen und besprach unendliche Tonbandmeter. Er gilt als Gründer der Popliteratur. Für Wuttke war er jemand, "der gegen die Vorrichtungen der Sprache ansprach" und "zur Wirklichkeit durchstoßen wollte". 1975 starb der Dichter 35-jährig in London, als er das Shakespeare-Pub verließ und beim Straße-Überqueren zur falschen Seite blickte.Brinkmann begleitet Wuttke, seit dieser 16-jährig von der Schule flog, nach Rom ging um Film zu studieren, dort in einem Vorort unterkam, zwei Busstunden vom Zentrum entfernt. Er verbrachte die Zeit mit Wohnungssuche und brauchte eine Weile, um erstens festzustellen, dass Wohnungen in Italien nicht in der Zeitung inseriert werden und er zweitens nichts besseres finden würde. Er kehrte heim, ohne die Filmschule auch nur gefunden zu haben.Wuttke ist weder verbittert, noch belustigt, wenn er von seinen einsamen Abwegen spricht. Als in die Stadt gekommenes Kind vom Lande war er das Alleinsein gewohnt. "Seit meine Mutter gestorben ist, war ich allein. Ich ritt auf einem großen Ledersessel und habe sterben gespielt. Wie mich ein Pfeil in den Rücken trifft oder in die Stirn, was diese Todesarten physisch mit mir machen, wie sie sich anfühlen, was in mir abläuft." - "Hattest du keine Freunde?", fragt Jonathan Meese, der sich inzwischen dazugesellt hat, sichtlich beunruhigt. Und Wuttke: "Manche Spiele spielt man besser allein, Freunde hätten da nur gestört."Meese - schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Haare, schwarzer Bart und ein sonniges Gesicht - ist drei Stunden nach der verabredeten Zeit doch noch gekommen. Seine überschäumende grundsätzliche Freude darüber, dass er jetzt hier ist, steckt an.Parallel zu dem Brinkmann-Projekt baut Meese in Neuhardenberg gerade eine Ausstellung über Jakob Paul Freiherr von Gundling auf, des Soldatenkönigs unfreiwilligen Zeremonienmeister, der zum Spott mit sinnlosen Ämtern überhäuft wurde, mit Bären kämpfen und eine Ziegenhaarperücke tragen musste. Von all der Schmach wucherten Magengeschwüre, die der Höfling tapfer mit Alkohol zu bekämpfen versuchte, bis er starb und sein König ihn in einem Weinfass beerdigen ließ.Meese bestellt sich erst einmal einen Campari-Soda und wirft einen tiefen, besorgten Blick in die Kartoffelpfanne seiner Tischnachbarin. "Ist das nicht zu trocken so ohne Soße?" - "Nein, ist genug Fett dran." - "Ein bisschen Sauerrahm oben drüber, wäre das nicht besser? Na, ich esse ein bisschen später", sagt er und kichert glücklich: "Später, später, später." Auch Martin Wuttke will jetzt einen Campari: "Ich mag das Zeug überhaupt nicht, aber wenn Jonathan einen trinkt, dann will ich auch einen." Es ist ja auch noch ein bisschen Zeit bis zum Probenbeginn, Bernhard Schütz kommt erst zwanzig nach fünf in Seelow an.Vielleicht liegt es an der Hitze, vielleicht an dem Gefühl, in aller Freundlichkeit aufgehoben zu sein - auf einmal erscheint einem das alles ganz wunderbar logisch: Das Schloss Neuhardenberg, die absurde Kulturexklave der Hauptstadt im Oderland mit Publikumstransport per Reisebusshuttle. Gundling, Nietzsche, Brinkmann, Wuttke und Meese - ein Tabakskollegium begabter Oberklassespinner. Ein Hofnarrentheater auf Sparkassenkosten. Und auf der anderen Seite der Landstraße findet die Wirklichkeit statt. "Wenn man da als Fremder zu lange an der Bushaltestelle steht", so Martin Wuttke, "kriegt man schon mal was auf die Fresse."Vorstellungen 16.-19., 24.-26. Aug., 19.30 Uhr, Busshuttle ab Ostbahnhof 17.30 Uhr, Karten: 033467/60 07 50Ausstellung "Gundling Meese Erzstaat" bis 18. Nov. Di-So, 11-19 Uhr------------------------------"Manche Spiele spielt man besser allein." Martin Wuttke------------------------------Foto: Martin Wuttke (l.) und Jonathan Meese - zwei Eigenbrötler haben sich im Oderland gefunden.