Morgens lächelt der 72-Jährige seine Zahnbürste an - weiß aber nichts mit ihr anzufangen. Das komme bei ihrem Lebensgefährten vor, berichtet Sigrid R. Es sei traurig zu sehen, wie ein Mensch verfällt und nicht mehr er selbst ist, sagt sie. "Wir hatten uns das anders vorgestellt."Dass der Wunsch nach einem möglichst langen Leben dem nach einer ebenso lange währenden Gesundheit entgegensteht, das belegt die jüngste Studie des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die heute in Berlin vorgestellt wird. "So erfreulich es ist, dass unser Leben länger dauern kann - untrennbar damit verbunden ist, dass gegen das Ende hin häufig Krankheiten auftreten, die früher nur deshalb seltener waren, weil weniger Menschen bis ins hohe Alter überlebten", heißt es im Vorwort zum "Demenz-Report".Er stellt fest, dass der demografische Wandel in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht mehr umzukehren ist. Schon jetzt gibt es in allen drei Ländern immer mehr alte Menschen. Das wird dazu führen, dass auch die Zahl der an Demenz Erkrankten stetig steigen wird. Denn es gilt: "Je fortgeschrittener das Alter, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken."Ab 80 Jahren steigt die Zahl der Erkrankungen stark. Rund ein Drittel der über 90-Jährigen hat eine demenzielle Erkrankung. Frauen sind, weil sie eine allgemein höhere Lebenserwartung haben, häufiger betroffen. Für Deutschland schätzt die Studie, dass im Jahr 2050 jeder Siebte 80 Jahre oder mehr zählen wird. Das könnte bedeuten, dass bei einer geschätzten Gesamtbevölkerung von 69,4 Millionen Einwohnern 2,6 Millionen von Demenz betroffen sind. Heute leben in Deutschland der Studie zufolge rund 1,3 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind.Ostdeutschland stark betroffenErwartet wird also, dass sich die Zahl der Demenz-Kranken bis 2050 verdoppeln wird. In einigen Regionen Ostdeutschlands, die von Alterung und Abwanderung besonders betroffen sind, wird diese Zunahme bereits 2025 erreicht sein. "Zu diesem Zeitpunkt erreichen die starken Jahrgänge der Babyboomer das Rentenalter", erklärt die Studie. Die nachfolgenden Generationen, die sich als Kinder, Schwiegerkinder, Enkel oder auch als professionelle Pflegekräfte um demenziell Erkrankte kümmern könnten, fallen dagegen deutlich kleiner aus. Diese Lücke zu füllen sei eine "wichtige gesellschaftliche und politische Aufgabe" resümiert der Report.Derzeit werden in Deutschland etwa drei Viertel der rund 1,3 Millionen Menschen mit Demenz zu Hause versorgt. Überwiegend haben die Töchter der Betroffenen diese Aufgabe übernommen. Sie bilden mit über 40 Prozent die Mehrheit der pflegenden Angehörigen. Die zweitgrößte Gruppe bilden die Ehefrauen mit 26 Prozent, gefolgt von den Ehemännern (16 Prozent) und den Schwiegertöchtern (acht Prozent). Sie zu unterstützen, fordert die Studie, etwa durch eine Anrechnung der Betreuungszeiten auf die Rente, durch die Förderung von Teilzeitarbeit oder durch direkte Leistungen.Im internationalen Vergleich biete Deutschland schon jetzt eine große Auswahl an Unterstützungsangeboten. Allerdings hänge es vom Wohnort ab ob die Hilfe im Einzelfall auch tatsächlich zur Verfügung stehe. Zudem seien die Hilfsangebote untereinander zu wenig vernetzt, kritisiert die Studie. Unter den Anbietern herrsche häufig Konkurrenz statt Kooperation.Die Überalterung der Gesellschaft wird alle modernen Industriestaaten treffen, Deutschland aber besonders, weil die Geburtenraten hier relativ früh eingebrochen sind. Die Sozialkassen dürfen sich also bei stetig zunehmenden Kosten auf immer weniger Beitragszahler einstellen.Gefordert sei deshalb nicht nur der Staat, sondern auch die Gesellschaft. Aufklärung, die Förderung von bürgerschaftlichem Engagement, von alternativen Wohn- und Lebensformen im Alter fordern die Autoren des Demenz-Reports. Die Kommunen sollten die Öffentlichkeit frühzeitig auf den Umgang mit "gelegentlich desorientierten Menschen" vorbereiten.