Meine Idealvorstellung von Kindererziehung ist eine große Wiese. Auf der einen Seite der Wiese ein Festzelt mit Bar, an der das heimische Ale ausgeschenkt wird. Dort versammeln sich die Eltern. Auf der anderen Seite der Wiese, ein gutes Stück entfernt, spielen die Kinder. Ich gehe ihnen nicht auf die Nerven, und sie gehen mir nicht auf die Nerven", schreibt Tom Hodgkinson. Lasst die Kinder in Ruhe! lautet das Mantra seines 318-seitigen "Leitfadens für faule Eltern".Nach der Meinung des 1968 geborenen Engländers, Herausgeber des Magazins The Idler, bedeutet Erziehung heute oft Stress und Leistungsdruck für Eltern und Kinder. Kommerz und teure Freizeitaktivitäten zerstören das Spiel, die Kreativität. Hodgkinson wirbt für eine "natürliche" Erziehung und zieht dafür recht geschickt Zitate von Denkern wie John Locke, Jean-Jacques Rousseau oder D.H. Lawrence heran. Für ihn wachsen Kinder am natürlichsten auf, wenn sie in der Natur stromern, ihre Spielorte selbst entdecken können. Wenn Eltern mit den Kinder etwas gemeinsam tun, dann am besten gärtnern, basteln, toben, Hütten bauen oder ein Lagerfeuer machen.Um glückliche Kinder zu erziehen, muss man selbst glücklich sein. Dieser Aussage kann man freudig zustimmen - auch wenn sich das Glück der Eltern bei Hodgkinson - der selbst Vater dreier Kinder ist und auf einer Farm lebt - allzu sehr auf langes Schlafen und den Alkoholgenuss mit Freunden reduziert ("Kinder lieben beschwipste Mütter"). Spätestens allerdings, wenn es um Bildung geht, offenbaren sich die großen Schwächen des Buches. "Um seinem Kind die besten Bildung zu ermöglichen, gilt es, ihm so wenig Bildung wie möglich angedeihen zu lassen", schreibt Hodgkinson und fordert: "Nieder mit der Schule". Am besten sei es, Hauslehrer zu engagieren. Angemessen seien drei Stunden intellektuelle Anstrengung am Tag.Auch wenn es gewiss an der staatlichen Schule viel zu kritisieren gibt - hier zeigt sich das, was man Hodgkinson bereits nach Erscheinen seines Buches "Anleitung zum Müßiggang" (2004) vorgeworfen hat: dass er seine generelle Verweigerungshaltung zur Ideologie macht. Er hasst auch Zoos, Vergnügungsparks, Spielplätze und Museen. Vollzeitjobs dienen ihm nur zur Versklavung.Sogar die Historie biegt er so zurecht, dass sie in seine idyllische Wunschwelt passt. Immer wieder lobt er das Mittelalter als "eine einzige, nicht enden wollende Party". Dass jene Ära für die meisten Menschen alles andere als Müßiggang bedeutete, will er nicht sehen, oder er münzt es in eine Tugend um. Für ihn erscheint es "gar nicht so schlecht", dass Kinder bereits früh anfangen mussten zu arbeiten, weil sie sich ja generell "gern nützlich" machten. Dass unzählige Kinder hart schuften, nach Krieg und Pest ihre Familien durchbringen mussten, dass ein Kind generell mit sieben Jahren groß genug war, um seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen - all das sieht er nicht.Ähnlich geht er mit dem eigenen Nachwuchs um. Er projiziert Wunschbilder in ihn hinein. "Faule Eltern wollen starke, robuste, strahlende und furchtlose Kinder", schreibt er in einem Stil, der verdächtig nach Kruppstahl und Leder klingt. Es scheint fast so, als wolle er eigene Unzulänglichkeiten mit diesem Idealbild von den mutigen Naturhelden kompensieren.Was aber geschieht, wenn die Kinder nicht nach diesem Bild geraten? Vielleicht werden sie blasse Computerhocker, karrieresüchtige Manager oder aber lauter schluffige, egoistische, beschwipste kleine Hodgkinsons. Was wir ihnen keinesfalls wünschen wollen.------------------------------Foto: Tom Hodgkinson: Leitfaden für faule Eltern. Übersetzung Heike Steffen. Rogner & Bernhard, München 2009. 318 S., 19,90 Euro.