Ein Winkel in Prag, irgendwo zwischen Altstatter Ring und Karlsbrükke. Die Klinkerbauten stammen vom Anfang des Jahrhunderts, sind später Jugendstil. Daß hier ein Film gedreht wird, ist an den riesigen Containern, die die Straße blockieren, unschwer zu erkennen. Trotzdem: Was Filmkulisse, was Original ist, kann man nicht leicht unterscheiden. Klar, die Litfaßsäule mit Naziflimplakaten und deutschen Zigarettenmarken müssen Attrappe sein. Aber daß die Brüstungen des schönsten Hauses der Straße, nach dem ehemaligen Besitzer und Verleger "Steno-Haus" benannt, lediglich aus Pappe sind und nun der Demolierung durch die Film-Feuerwerker harren, hätte wohl niemand auf Anhieb vermutet. Der erste Stock des Hauses mit den wunderbaren Kassettendecken wurde gar in ein Bombeninferno verwandelt: 1 leruntergekrachte Balken versperren die Sicht, auf den Möbeln lagert Kalk und Staub.Zum Amt gezwungenWir schreiben in dein Film, den 1 um belle gerade in Prag dreht, das Jahr 1945. >er Dreiteiler, ursprünglich von Peter Mertesheimer und Pea röhlich als siebenteilige ZDF-Serie geplant, spielt eigentlich in einer deutschen Kleinstadt mit dem Kunstnamen Königsbruck. Erzählt wird einmal mehr vom totalen Zusammenbruch, von Chance und Aufbruch. Schicksale von Angepaßten und Mitläufern, von Mutigen und Wendehälsen. Hier, im nun zerbombten Stene-Haus, hat Anna Mahlmann, die Ulli Philipp spielt, den Sozialdemokraten Konrad Schuhbeck (Matthias Habich) versteckt, einen scheuen Menschen, den die Amis alsbald zum Bürgermeister machen.Aus der ehemaligen Druckanstalt mii ihren weißen Fliesen und den vielen dicken Stromkabeln über den Wänden ist eine Handschuhfabrik geworden. Überall stehen Handschuh-Stanztonnen und andere Geräte. Wohnmöbel aber, Tisch und Bett signalisieren: Man ist ausgebombt. Mager und ernst Matthias Habich: Die Rolle hält ihn gefangen. Als einer "auf der Suche" bezeichnet er sich. Einen Politiker stelle er dar, "der zum Amt gezwungen wird". Sagt: "So sollte es eigentlich immer sein. Die Amateure sollten ran, nicht die, die sich danach drängen."Es riecht nach Weihrauch in den Räumen des alten Verlagshauses. "Mit der linkerpfeife" hat der Regisseur Tom Toelle leichten Nebel verbreitet, um die Atmosphäre optisch glaubhaft erscheinen zu lassen.Mitten in der Aufbruchstimmnung in Prag, soll die Uhr zuruckgedreht werden in die Aufbruchstimmung von damals. Tom Toelle hat diese Zeit als I4jährigcr erlebt, die Zeit des Hamsterns und des Kohlenklauens, die männerlose Zeit. Befürchtungen darüber, daß die Stunde Null im Kino bereits zu Ende erzählt worden sei, will Toelle nicht teilen.Toelle selbst dreht "sehr gern" im Atelier, "weil man da alles bauen, alles machen kann". Keine Frage mithin, daß der reale Drehort in der Prager Altstadt eine "Frage des Geldes" ist. Auch andere Filmteams geben sich derzeitig in Prag die Klinke in die Hand. Im Hotel wird gemunkelt, Isabella Rosselini sei gesichtet worden; ein Film über Beethoven wird gerade abgedreht.Filmwunder auf ZeitEs ist vor lauter Andrang schwer geworden, in Prag ein Team zusammenzustellen. Die Löhne sind noch immer niedrig, ein Viertel so hoch wie im Westen. Das alles bei sehr hoher Qualität der Arbeit. Schon scheint es Routine, in Prag einen deutschen Film zu drehen. Deutsche und Tschechen arbeiten zusammen, solange die romantische Kulisse vorhält. Doch ewig wird das Prager Filmwunder nicht währen. Schon werden die letzten Hauser renoviert. -- Am Freitag rücken die Panzer an. Da hat heute, am Dienstag, der tschechische Produktionsassistent schon mal alle Hände voll zu tun. Wenn man ihn so an seinem Mobiltelefon in der Halle sitzen sieht -- Kantine und Produktionsbüro zugleich -- dann wirkt er, trotz eines martialischen Auftrages, wie das rundliche Symbol einer neuen Zeit.TV-Comeback für Ulli Philipp (2. v. l.) an der Seite ihres Lebensgefährten Tom Toelle (l.). Der Erfolgsregisseur dreht in Prag den ZDF/Arte-Dreiteiler ~,Deutschlandlied". In weiteren Rollen: Matthias Habich und Julia Brendler (r.). Sendetermm: Herbst 1995.

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