Das Erste, was uns Tom Tykwers Verfilmung des "Parfum" zeigt, ist die Firma der Geldgeber: VIP Medienfonds ("Wir führen den Anleger zum Ziel - schnell, direkt und professionell!"). Und so ist der Film denn auch: 147 Minuten in Farbe und Bankdirektorenästhetik.Wie erzählt wird, haben sich Filmproduzenten über viele Jahre um die Rechte an Patrick Süskinds Roman "Das Parfum" gerissen. Das mag so sein; "Das Parfum" ist ein Verkaufserfolg, wie es wenige gibt, international gelesen und dies nicht bloß eine Saison lang. Und vielleicht erfüllt ja die Verfilmung, zu der es nun gekommen ist, die schönsten Hoffnungen und beschert den Anlegern des VIP Medienfonds ("gemanaged durch erfahrene Filmexperten") eine hohe Rendite auf ihr Kapital. Möglich wär's; die Welt ist ja so schlecht. Doch riskant war die Idee der Verfilmung schon. Denn offenkundig ist ja ein Kunstwerk, das vom Riechen und den Gerüchen handelt, am ehesten als literarisches zu denken. Die Literatur hat den Vorzug, nicht einen einzelnen Sinn zu beschäftigen, sondern jedem Eindruck in der Sprache seine Wirksamkeit zu geben, das schafft die Freiheit für die Welt der Düfte.Der Film hat diese Freiheit nicht, und das sieht man hier auf den ersten Blick. Er ist nicht für die olfaktorische Welt geschaffen, muss sie aber doch ins Bild setzen und tut dies mit aller Wucht. Diese Wucht nennt man "pralle Sinnlichkeit". Der heikle Held, Jean-Baptiste Grenouille, wird auf dem Pariser Fischmarkt 1732 geboren, und also muss der Filmbesucher optisch vergewaltigt werden, um den Gestank eines Fischmarkts vor die Nase zu kriegen. Es schillern die Fische in ihrer beginnenden Fäulnis, der Schlamm des Platzes platscht, Ratten huschen um die Tischbeine (Ratten huschen immer), da stürzt die Mutter unter den plötzlich einsetzenden Wehen, gebiert umstandslos ihr Kind und wirft es zum Abfall, was dem Film Gelegenheit gibt, alle ekligen Effekte zusammenzufassen.Wie man aus dem Buch weiß, überlebt Grenouille, beißt sich mit animalischem Lebenswillen durch alle Leiden und Nöte und bildet dabei seine alle menschlichen Möglichkeiten übersteigende Nase aus. Ein Parfumeur (Dustin Hoffmann gibt ein Virtuosenstück) nimmt ihn in die Lehre, um sogleich von ihm übertrumpft zu werden. Nun geht es dem genialen Jüngling darum, Gerüche aufzufangen und zu konservieren. So begibt er sich in die Provence, nach Grasse, wo er lernt, in welch verschiedener Weise der Duft von Blüten, Kräutern, Büschen aufzufangen ist.Grenouille aber ist mehr als die beste Nase der Duftstoffindustrie. Er lebt für andere Aromen als die der Rose, er lebt für menschliche Düfte, den Geruch junger Frauen. Diesen Geruch einzufangen, lauert er ihnen auf, tötet sie, hüllt sie in Talg und gewinnt aus dem aromatisierten Fett winzige Phiolen weiblichen Duftes. Denn er selbst, das ist sein Unglück, hat keinerlei eigenen Geruch. Er ist ein Nichts, menschlich kalt, niemanden zur Wärme bewegend. Den Duft anderer, schönerer, glücklicherer Menschen zu verströmen, ist sein Ausweg. So wird er zum Serienmörder.Zweimal triumphiert er so. Ein erstes Mal, als er, des Mordes überführt, vom Schafott die wundervollen Düfte der Ermordeten wehen lässt und die zunächst rachedurstige Menge erst zu Verzeihung und Liebe zu ihm bewegt und dann zu einer Orgie. (Die fällt allerdings aus wie im Sinnlichkeitsworkshop Neheim-Hüsten.) Und ein zweites Mal, als er seiner Existenz mutwillig das Ende setzt, das Parfum über den eigenen Kopf gießt und von den begeisterten Menschen zerrissen wird wie Orpheus, ein anderer Künstler, von den Mänaden.Eine Liebesgeschichte also, zweifellos eine "konservative Kalkulationsgrundlage", wie sie der VIP-Medienfonds schätzt. Andere schätzten an dem Roman anderes. Marcel Reich-Ranicki sah 1985 in der Geschichte von dem Verbrecher, der die Massen zu verführen versteht, eine politische Parabel. Auch der Serienmord zu technischen Zwecken könnte mehr sein als der Tic eines benachteiligten jungen Mannes. Nicht so bei Tykwer. Hier geht es um Leere und Liebe. Ist das an sich schon wenig, so wird es noch weniger durch den Hauptdarsteller Ben Whishaw. Die Leere darzustellen als das Böse ist eine große Probe der Kunst. Wer Stevensons "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" gelesen hat, kennt das: wie die moralische Energie der Gesellschaft in das Loch stürzt, das Mr. Hyde darstellt. Whishaw hat von dieser Größe nichts, er hat nur jenes markante Dutzendgesicht, das typischerweise in der Reklame für Jeans und Bausparen verwendet wird.Selten hat man sich im Kino so gelangweilt. Glücklich, wer eine Uhr mit Leuchtziffern hat. Mit seiner sinnlichen Überpräsenz, dem Willen, in jedem Moment den Betrachter mit der Opulenz der Bilder zu beeindrucken, strömt der Film eine schreckliche Vulgarität aus. Vulgär ist die Protzigkeit, mit der das große Produktionsbudget in Szene gesetzt wird. Vulgär ist der Neureichenglaube, von allem das Aufwändigste zu wählen sei guter Geschmack. Und vulgär ist der Versuch, einen Film anzubieten, der in jeder Einstellung nur von einem spricht, vom Verkaufen. Das ist gewiss "Transparenz und kontinuierlicher Informationsfluss", um den VIP-Medien das letzte Wort zu geben.------------------------------Das Parfum - Die Geschichte eines MördersDeutschland 2006. 147 Min., Farbe.Regie: Tom TykwerDrehbuch: A. Birkin, B. Eichinger, T. TykwerKamera: Frank GriebeDarsteller: Ben Whishaw, Alan Rickman, Dustin Hoffman, Rachel Hurd-Wood, Caroline Herfurth, Jessica Schwarz, Corinna Harfouch, Birgit Minichmayr u. a.Ab morgen im Kino.------------------------------Foto: Hier soll eine tote junge Dame im Fettbad um ihren Geruch gebracht werden. Dieser Versuch ist noch nicht von Erfolg gekrönt.