Als am 9. November 1989 der Schlagbaum an der Bornholmer Brücke hochging, ist Horst Kretzschmar gestorben. Der fast zwei Meter große, massige Diplom-Pädagoge litt an Leberzirrhose. Seinen Tod in dieser historischen Stunde haben viele Menschen bedauert - sie hätten diesen Mann so gern, als es endlich möglich zu werden schien, zur Verantwortung gezogen.

Dafür, dass er ihr Leben zerstört hat. Kretzschmar war über zwanzig Jahre Leiter des geschlossenen Jugendwerkhofes in Torgau, einer in jeder Hinsicht einzigartigen Einrichtung in der DDR. Hier wurden von 1964 bis 1989 Tausende Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren gedemütigt, misshandelt, missbraucht - ohne dass irgendjemand etwas dagegen unternahm.

Hierher kamen die "schweren Fälle", junge Menschen, die in anderen DDR-Jugendwerkhöfen rebelliert oder von dort wiederholt ausgebüxt waren. In Torgau sperrte man sie ohne Gerichtsurteil drei bis sechs Monate ein, in Zellen mit vergitterten Fenstern, Holzliegen und einem Kübel als Klo. Rechtlos, ohne Kontakt zur Außenwelt waren die jungen Leute der Willkür überforderter und zum Teil sadistischer "Erzieher" ausgeliefert, darunter Ex-Volkspolizisten und strafversetzte Lehrer.

Torgau war ein faschistischer Fleck in der antifaschistischen DDR. Michael Wildt versucht, die Erinnerung an das Grauen wach zu halten. Wildt arbeitet für die Gedenkstätte "Geschlossener Jugendwerkhof Torgau" und hält Vorträge über die Leiden der jugendlichen Insassen.

An diesem Mittwochabend tut er das in Berlin, vor etwa 30 Zuhörern in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde. Viel herum kommt Wildt sonst nicht, das Interesse an seinem Thema ist nicht sehr groß. Was daran liegen mag, dass die Insassen der Jugendwerkhöfe in der DDR das Stigma von Asozialen und Kriminellen trugen. "In Torgau etwa haben die Einwohner bis zur Wende geglaubt, dass der Jugendwerkhof dort ein Gefängnis für schwerkriminelle Jugendliche ist", sagt Wildt.

Solche Vorurteile seien noch heute in der Gesellschaft verfestigt, weshalb sich auch so wenig Opfer bislang gemeldet hätten. Seine Gedenkstätte habe nur mit gut einem Zehntel der insgesamt 4046 ehemaligen Insassen Kontakt. 38 Spezialkinderheime und 32 Jugendwerkhöfe gab es in der DDR. Vollwaisen und Verhaltensauffällige waren hier untergebracht, aber vor allem Unangepasste, die mit dem SED-Staat ebenso wenig zurechtkamen wie das System mit ihnen.

Bis auf Torgau, das als einziges Heim direkt dem Volksbildungsministerium unterstellt war, wurden alle diese Einrichtungen offen geführt - was aber nicht bedeutet, dass die jungen Menschen dort nicht auch eingesperrt waren und einer gnadenlosen und oftmals brutalen Disziplinierung unterworfen wurden.

Wildt zeigt in seinem Vortrag Fotos aus dem Inneren des Torgauer Werkhofes. Die menschenleeren Schwarz-Weiß-Bilder, die 1990 entstanden sind, sind viel eindrücklicher noch als seine betont sachlichen Schilderungen des unfassbaren Anstaltsalltags. Das mitten in Torgau liegende Gebäude, in der Kaiserzeit als Militärgefängnis gebaut und bis zu seiner Umwidmung zum Jugendwerkhof als Knast genutzt, ist von einer vier Meter hohen Mauer umgeben, auf deren Krone Glasscherben einzementiert sind.

Man sieht Dachrinnen, die mit Stacheldraht umwickelt sind, Scheinwerfer an den Fassaden, einen Schemel und eine Liege aus Holz in einer anderthalb mal zwei Meter großen Einzelzelle, drei verdreckte Kloschüsseln ohne Trennwand nebeneinander im "Sanitärbereich", weiße Fliesen in den langen Fluren und überall Gitter. Ein Foto vom Hof zeigt eine Sturmbahn mit Eskaladierwand. Wer aufmuckte, musste hier rüber, bis zur Erschöpfung.

Berüchtigt waren auch der "Torgauer Dreier", eine Kombination aus Liegestütz, Hockstrecksprung, und der Entengang, in dem die Jugendlichen mit Hände hinterm Kopf die Treppen hinauflaufen mussten. Der Aufenthalt in Torgau verfehlte seine abschreckende Wirkung nicht, nur wenige wurden rückfällig. Seit 2004 haben die einstigen Insassen von Torgau einen Anspruch auf Entschädigung. Er liegt bei 376 Euro je angefangenem Haftmonat.