Der bestuhlte Raum als Beruhigungsmittel: Ein Rock-Publikum ist es nicht gewohnt zu sitzen, so wirkt es am Anfang etwas verschüchtert. Es ist merkwürdig still im ausverkauften Friedrichstadtpalast. Willy Porter, der Mann im Vorprogramm, findet das unheimlich. Mit seiner akustischen Gitarre spielt er dagegen an. Das Instrument klingt so voll, daß es eine Band ersetzt. Trotzdem bleibt freundlicher Applaus die einzige kollektive Gemütsregung. Erst als er ein altes Motown-Stück spielt und mit sichtlicher Freude den jungen Michael Jackson imitiert, groovt der Laden. Aber kann Tori Amos einen Saal gebrauchen, in dem geschwitzt und geklatscht wird?Tori Amos ist keine Rock-Röhre. Vor zwei Jahren in der Trinitas-Kirche war sie genau richtig: Zwischen Weihe und Weinen. Die Frau ist klein, das Klavier groß. Groß sind auch die Themen und Gefühle, die einem in jedem Song entgegendonnern: Tori Amos läßt kaum eine Atempause. Sich selbst nicht, deswegen muß sie beim Singen atmen. Und dem Publikum nicht, das wird mit einer emotionalen Inszenierung konfrontiert. Die Sängerin scheint vor Intensität zu platzen, ihre Stimme dringt in die hintersten Winkel der Töne. Und so wird ihre Musik voll, tief und groß. Keine Kammermusik, obwohl die Besetzung klein bleibt (nur ein Gitarrist kommt zum Klavier hinzu).Tori Amos singt Nirvanas "Smells like Teen Spirit" und verquickt es mit Don McLeans "American Pie": Das kann nur ein Requiem ergeben, auf den Rock 'n' Roll natürlich. Auch ihre eigenen Songs klingen immer ein bißchen wie Abgesänge. Sie fangen laut an und enden leise. Ihre Hände wechseln fliegend zwischen Klavier und Spinett, später kommt noch eine Orgel hinzu. Tori Amos scheint sich emotional vollkommen zu verausgaben, ihre Beine stampfen, als wollte sie den Boden eintreten. Damit reißt sie das Publikum mit, darin könnte man aber auch eine gewisse Schwäche ihrer Musik sehen: Die hat keinen Kontrapunkt, weil sich die meist bitteren Gefühle ungehindert Bahn brechen. Das Publikum wird auch ein bißchen als Therapeut mißbraucht. Ironie blitzt nur selten auf, etwa wenn Amos mitten in einem Song ihren Gitarristen die Akkorde von "Purple Rain" spielen läßt und dazu Prince parodiert.Das Problem, mit dem Willy Porter zu kämpfen hatte, kennt Tori Amos nicht: Selbst die Stille im Publikum gefällt ihr. Da kann sie ganz da sein, wo sie sich am wohlsten fühlt, bei sich. Dennoch konnte sie den Friedrichstadtpalast in keine Kirche verwandeln: Dazu tobte das Publikum am Schluß zu laut - vor Begeisterung. +++