Gleich nach der Ankunft in Dünkirchen wurden die Radprofis zum TÜV gebeten. Wer sich an diesem Sonnabend auf die Große Schleife durch Frankreich begeben will, musste den Dopingfahndern einige Zentiliter Lebenssaft überlassen. Für die 189 Fahrer der Tour de France war das ein ganz normaler Akt. Die meisten Profis sind in der Lage, sich selbst anzuzapfen, um dann etwa mit Hilfe einer Handzentrifuge den Hämatokritwert ihres Blutes zu überprüfen. Es sind zwar nicht mehr so viele Zentrifugen im Umlauf wie vor Jahren, doch es gibt sie noch. Vorerst aber fiel der TÜV für alle 189 Profis negativ aus.Hämatokrit, Erythropoietin, Blutdoping, IGF 1, RSR 13, Interleukin 3, Wachstumshormone - diese Vokabeln werden bei der Tour wieder in einem Atemzug genannt werden mit jenen Bergen, die es auf dem Velo zu überwinden gilt. In diesem Jahr kommt ein neues Modewort hinzu. Denn mittlerweile weiß man, dass eine signifikant hohe Anzahl von Sportlern asthmakrank ist. Jedenfalls fanden sich Ärzte, die ein entsprechendes Attest ausstellten. In manchen Disziplinen liegt die Asthma-Quote bei 70 bis 80 Prozent. Zahlen, die Dopingfahndern höchst unglaubwürdig vorkommen. Zum Vergleich: Im bundesdeutschen Durchschnitt ist nur jeder Fünfundzwanzigste Asthmatiker.Jan Ullrich taucht neuerdings in beiden Statistiken auf. Er zählt zu den asthmakranken Bundesbürgern und zu jenen Radlern, denen es - aufgrund ihrer Malaise - doch besonders schwer fallen muss, sich über die Pässe zu quälen. Schon 1998 ließ sich Ullrich die Krankheit in sein Gesundheitsbuch schreiben, von einem Arzt an jener Universität, an der auch der Telekom-Mannschaftsarzt Lothar Heinrich tätig ist. Öffentlich wurden Ullrichs chronische Leiden jedoch erst vor einem Monat. Bei einer Razzia von Polizei und Staatsanwaltschaft beim Giro d Italia wurden in Ullrichs Quartier kortisonhaltige Medikamente beschlagnahmt. Kortison steht auf der Dopingliste des IOC.Welch ein Malheur. Das Telekom-Team reagierte verschnupft und strickte Verschwörungstheorien. Journalisten sprangen dem in die Bedrängnis geratenen Helden zur Seite. Was die nur haben, diese Italiener? Spielen sich zum Tugendwächter auf. Dabei war es doch einer der ihren, der Giro-Spitzenreiter Dario Frigo, der in der Vernehmung erklärte: "Alle dopen sich, der ganze Radsport ist verseucht. Als Amateur habe ich nie etwas genommen. Aber bei uns Profis hat es System." Angesichts einer solchen Offenherzigkeit mochte Ullrich nun doch nicht länger nachstehen mit Enthüllungen. Er tat es in der ihm eigenen, etwas lethargischen Art. Stammelte in die Mikrofone: "Ich bin Asthmatiker, sach ich mal."Drei Jahre ist es nun her, dass bei der Tour die Dopingfahnder des französischen Staates das Kommando übernommen haben. Ob sich seither etwas zum Positiven gewendet hat? Zumindest wird ab und an das Kartell des Schweigens gebrochen. Wer aber den jüngsten Giro als Maßstab nimmt, weiß, dass weiter gedopt wird. Die Betrüger und jene, die sie schützen (darunter viele Funktionäre), verblüffen mit beinahe unheimlicher krimineller Energie. Daran verzweifeln viele, die sich der Aufklärung verschrieben haben. Etwa Marie-George Buffet, Frankreichs resolute und höchst verdienstvolle Sportministerin. Sie dachte im Frühjahr ernsthaft über ihren Rücktritt nach, als sie von einer vereinten Lobby des Radsports und des IOC mal wieder in die Mangel genommen wurde. Da sich Paris derzeit um die Olympischen Spiele 2008 bewirbt, hat das IOC ihr eine Erklärung abverlangt, dass während der Spiele die olympischen Gesetze gelten sollen - und nicht die ungleich schärfere französische Doping-Gesetzgebung. Madame Buffet hat der Forderung unter Druck von allen Seiten zugestimmt.Politiker vom Schlage Buffet hat Deutschland nicht zu bieten. Der für den Sport zuständige Innenminister Otto Schily trat 1998, kurz nach der Tour de Farce, sein Amt an. Er versprach laut und publicityträchtig eine harte Gangart. Inzwischen aber gibt Schily lediglich noch den lammfrommen Sportfan. Schily hat bislang nicht einmal eine nationale Anti-Doping-Agentur auf die Wege gebracht. Die Gründung einer solchen Agentur scheitert am fehlenden finanziellen Engagement der Bundesregierung. Die hat Wichtigeres zu tun. Die Ehrenlogen rufen, auf denen man sich mit Sportstars sonnen kann. Kabinettsmitglied Rudolf Scharping mutiert während der Tour traditionell zum Maskottchen des Teams Telekom.Na dann siegt mal schön, ihr Asthmatiker. Viel Spaß auf dem L Alpe d Huez. Und genügend frische Luft.Die Betrüger und jene, die sie schützen (darunter viele Funktionäre), verblüffen mit beinahe unheimlicher krimineller Energie.

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