PORTO, 1. Juli. Die Fluglotsen in Porto haben in den vergangenen Tagen wieder im Akkord arbeiten müssen, denn die Griechen flogen ein. Vor allzu hochfliegenden Erwartungen hat Mittelfeldspieler Georgios Karagounis die neuen EM-Touristen allerdings gewarnt. Sie würden ihr Bestes geben gegen die Tschechen im Halbfinale, das ja, aber das Beste sei eben nicht immer schön: "Wir sind keine Brasilianer und werden deshalb unseren Stil nicht ändern, der uns zum Erfolg geführt hat." Erfolg ist aber kein schlechtes Stichwort gewesen in diesem Zusammenhang: Mit 1:0 bezwangen fanatisch kämpfende Griechen im Euro-Halbfinale sensationell die hoch favorisierten Tschechen - es war Traianos Dellas, dem in der Verlängerung per Kopf ein Silver Goal gelang (105.). "Das Märchen geht weiter", schwärmte Griechenlands Trainer Otto Rehhagel völlig entrückt, "wieder hat die unbedingte Leidenschaft gesiegt."Es war das dramatische Ende dieses vorletzten Turnierspiels, das über weite Strecken einem lustigen Experiment glich: Hier traf die trendigste Turnierelf, die abenteuerlich konstruktiven Tschechen, auf ein Team, das als einziger Halbfinalist völlig wider den Offensivtrend spielt - auf Rehhagels Griechen eben, die sich erneut die Taktik des kleinen Mannes zunutze machten. Wieder blieben sie ihrem Erfolgsrezept treu, das eine eigenartige historische Mischung darstellt: Auch gegen Tschechien mixten sie die Taktik der Achtziger mit modernster Athletik - was Portugal, Spanien und Frankreich scheitern ließ, trieb auch Karel Brückners Feinfüßler zur Verzweiflung. Was Rehhagel hinten aufbot, sah aus wie eine moderne Abwehrkette, in Wahrheit war das Gebilde neoantik. Dellas ließ sich immer wieder liberoartig zurückfallen, während Seitaridis (gegen Baros) und Kapsis (gegen Koller) ihre Rivalen nach alter Manndeckersitte griechisch-römisch eskortierten.Natürlich wussten die Tschechen nur zu gut, dass man diese Betongriechen nur bändigt, wenn man sie entmutigt. Es war nicht zu übersehen, wie gierig der Favorit ein frühes Tor ansteuerte: Nach gerade mal 180 Sekunden schepperte ein Schuss von Tomas Rosicky von der Latte zurück, und drei Minuten später scheiterte Jankulovski an Torwart Nikopolidis. Es war ein einfacher Plan, aber er ging nicht auf, und je länger die Tschechen torlos blieben, desto zäher wurden die Versuche. "Wir müssen die ersten 20 Minuten überstehen", hatte Rehhagel gepredigt, und in der Tat verteidigte der Außenseiter, kaum hatte er die magische Marke erreicht, immer selbstsicherer. Rehhagel hat ja viel erfunden in seinem Leben, womöglich auch die Floskel "Über den Kampf zum Spiel" - zwar war der Vortrag der Griechen weiter das Gegenteil von elegant, aber zumindest trauten sie sich nun häufiger über die Mittellinie.Bild des JammersSicherer machte das die Tschechen nicht, und was in der 40. Minute geschah, war nur schwer zu verkraften für diese Elf. Da hatten sie so gefürchtet, dass Pavel Nedved sich die zweite gelbe Karte fangen könnte - und dann humpelte er knieblessiert vom Platz. Ein Bild des Jammers war es, wie er mit Tränen in den Augen auf der Bank kauerte. Es war der Moment, der Tschechien das Herz brach. Die Griechen spürten das, und um die Wirkung zu verstärken, mischten sie nach der Pause noch eine Prise Härte in ihr Spiel. Schiedsrichter Collina musste bis zur 60. Minute drei gelbe Karten zücken, aber in der 54. Minute, als Koller von Dellas im Strafraum zu Fall gebracht worden war, schwieg seine Pfeife.Kurz vor Schluss schien es, als fänden die überlegenen Tschechen doch eine Gasse, die hindurchführt durchs griechische Labyrinth, aber Koller (80.) und Baros (83.) verzogen knapp. Es reichte nicht mehr, und in der Verlängerung deuteten die Griechen mit mehreren Chancen an, dass sie gewillt waren, die Chance, die sie nie hatten, noch zu nutzen. Sie nutzten sie so, wie man das von einer Rehhagel-Mannschaft erwartet: Nach einer Ecke schraubte sich Dellas, der letzte Libero Europas, in die Lüfte und köpfte ein - just in der 105. Minute, weshalb das Silver Goal einem Golden Goal gleichkam. Nun wird das erste Spiel der Euro auch das letzte: Griechenland trifft im Finale auf Portugal, wie im Eröffnungsspiel. Damals siegte: Griechenland.------------------------------Griechenland - Tschechien 1:0 (0:0) n.V // Griechenland: Nikopolidis - Dellas - Seitaridis, Kapsis - Katsouranis, Basinas (72. Giannakopoulos), Zagorakis, Karagounis, Fyssas - Charisteas, Vryzas (91. Tsiartas)Tschechien: Cech - Grygera, Ujfalusi, Bolf, Jankulovski - Poborsky, Galasek, Rosicky, Nedved (40. Smicer) - Koller, BarosSchiedsrichter: Pierluigi Collina (Italien)Tor: 1:0 Dellas (105.)Zuschauer: 45 000Gelbe Karten: Karagounis (2/im Finale gesperrt), Charisteas, Seitaridis - Baros, Galasek, Smicer------------------------------Foto: Der Moment: Dellas (vorne links) hält seinen Kopf in die Flugbahn des Balles. Das reichte für die Finalteilnahme.