Johannesburg - Es ist drei Uhr morgens, doch die Alleen im noblen Johannesburger Stadtteil Lower Houghton bersten vor Leben wie gewöhnlich nicht mal am helllichten Tag. Teilweise lediglich in Bademäntel gehüllte Menschen strömen in Richtung der Zwölften Allee; junge, womöglich direkt aus den Nachtclubs gekommene Studenten tanzen; eine Vuvuzela tönt; ein Hubschrauber fliegt über die Menge. „Nelson Mandela: Sabela uyabiza“, singt eine Gruppe, die sich durch ihre T-Shirts als Mitglieder des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) zu erkennen geben, eine altbekannte Hymne der Befreiungsbewegung: „Nelson Mandela: wir rufen. Antworte uns.“

Doch Mandela antwortet nicht mehr. Der Gründungsvater des neuen, demokratischen Südafrikas – Ex-Präsident, Friedensnobelpreisträger, Nationalheld – ist hier in Houghton wenige Stunden zuvor gestorben. Er sei um zehn vor neun Uhr friedlich in seinem Haus in der Zwölften Straße entschlafen, teilte Südafrikas Präsident Jacob Zuma am Donnerstag kurz vor Mitternacht im Fernsehen mit. Schon wenige Minuten später füllen sich die Alleen mit Hunderten von Menschen: Viele weinen, einige lachen, ständig beobachtet von Dutzenden von TV-Kameras, die die Bilder in die ganze Welt übertragen. Eine einzigartige Stimmung zwischen Trauer und der Feier eines beispiellosen Lebens breitet sich aus. „Ich kann das Gefühl nicht beschreiben“, sagt die 25-jährige Mimi Mvakali, die in Kapstadt Jura studiert: „Ich habe so etwas noch nie gespürt.“

Ein Schrein aus Lichtern

Es fühle sich an, als ob ihr etwas aus dem eigenen Leib gerissen worden sei, sagt eine weiße Frau mit geröteten Augen und einer Blume in der Hand: „Ich bin vollkommen erschüttert.“ Der 35-jährige Fernando Teles erklärt, er spüre denselben Schmerz, den er vor wenigen Monaten beim viel zu frühen Tod seines Bruders empfunden habe. Unter Tränen stellt er eine kleine Kerze zu dem Schrein aus Lichtern, Blumen und Bildern, der sich auf dem Trottoir auszubreiten beginnt. „Da, wo er stand, wird für immer eine Lücke sein“, sagt Yussuf Tall aus der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa: „Ein Baum ist gefallen. Und es wird lange dauern, bis etwas nachgewachsen ist.“

Mandelas Herzlichkeit und persönliche Wärme waren in der Tat einzigartig. Kein anderer konnte so wie er auch noch so bescheidenen Zeitgenossen den Eindruck von Bedeutung und Ernstgenommenwerden erwecken. Der Mann mit dem strahlenden Lächeln und dem warmen Händedruck begrüßte sie alle mit dem obligatorischen „How are you?“. Mandela sei der „Inbegriff all jener Instinkte, die wir mit unserer Kindheit verbinden: Vertrauen, Gutherzigkeit und Optimismus“, hat der südafrikanische Autor Mark Gevisser einmal geschrieben: „Die Welt fühlt sich sicher bei ihm, denn in Mandela hat sie den idealen Vater gefunden.“ Auch wenn er sich diese Väterlichkeit erst einmal erwerben musste: Sein ursprünglicher Vorname Rolihlahla bedeutet „Am Ast eines Baumes ziehen“ – gemeint ist damit ein Unruhestifter, ein Heißsporn, was auf den jungen Mandela ganz gut passte, der einmal der wichtigste politische Führer seines Landes werden sollte.

Niemand kann sagen, dass die Nachricht vom Tod des 95-Jährigen überraschend kam. Nachdem Mandela am 8. Juni dieses Jahres mit einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert worden war, erholte er sich nicht mehr wirklich. Zwar wurde er zwölf Wochen später wieder nach Hause entlassen, doch konnte er weder sprechen noch ohne die Hilfe eines Ventilators atmen. In den vergangenen Tagen verdichteten sich die Gerüchte, dass es dem Ende nahe gehe: Selbst „an seinem Sterbebett“ würden sie noch von der Kraft des „Kämpfers Madiba“ profitieren, sagte seine Tochter Makaziwe. Am Donnerstagnachmittag trafen dann zahlreiche Familienangehörige in Mandelas Villa in Houghton ein: Die Anzeichen verdichteten sich.

Und trotzdem habe es ihn „wie ein Schlag ins Gesicht“ getroffen, sagt der im weißen Bademantel herbeigeeilte Eric Williams, der vor seinem Fernseher eingeschlafen war und dann zur Ansprache des Präsidenten aufwachte: „Ich musste mir mehrere Hände voller Wasser ins Gesicht schütten, um mich zu vergewissern, dass ich nicht träumte.“ Jetzt ist das ANC-Mitglied besorgt, dass es mit seiner Partei noch weiter bergab geht: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ohne Madiba besser werden soll.“ Selbst ein ANC-Funktionär, der eben noch zur Melodie des Befreiungslieds „Sabela uyabiza“ getanzt hat, gibt sich düsteren Gedanken hin: „Mancher könnte jetzt die Beherrschung verlieren“, sagt Ronny Nghonyana, ANC-Vorsitzender im Johannesburger Stadtteil Hillbrow: „Die Leute werden radikaler und möglicherweise auch gewalttätig werden.“ Genauso gut könnte der allgemein empfundene Verlust jedoch die zersplitterte südafrikanische Bevölkerung zusammen führen: „Wir sind jetzt alle eins“, sagt eine weinende weiße Frau, die ihre beiden Kinder aus dem Bett geholt und zu Mandelas Villa geschleppt hat.

In der Villa hinter der hohen cremefarbenen Mauer sollen sich die meisten der noch lebenden drei Kinder sowie 17 Enkeln und 14 Großenkeln des südafrikanischen Heroen eingefunden haben: Sie bleiben im Privaten und halten sich mit öffentlichen Äußerungen auffallend zurück. In den vergangenen Monaten war die zersplitterte Familie immer wieder aus den ganz falschen Gründen in die Schlagzeilen geraten: Töchter und Enkel stritten sich um das finanzielle Vermächtnis Mandelas, um den Ort seiner letzten Ruhestätte und um die Gunst, wer „Tata“, dem Großvater, in Wahrheit am nächsten stehe. Mandelas zweite Frau Winnie und Graça Machel, mit der er an seinem 80. Geburtstag zum dritten Mal in seinem Leben Ringe tauschte, suchen die tiefen Zerwürfnisse angestrengt zu überspielen: Dass seine Trennung von Winnie zu den traurigsten Zeiten seines Lebens gehörten, ist in Südafrika jedem bekannt. Enkel Mandla hätte am Freitag eigentlich vor Gericht erscheinen müssen, weil er einen Autofahrer mit der Pistole bedrohte: Der Richter hatte ein Einsehen und verschob den Termin.

Den ganzen Freitag über zeigt sich Johannesburg in seltener Verschleierung: Die Wolken hängen tief, die Sonne zeigt sich nicht, schlapp liegen Fahnen auf Halbmast. In Houghtons Zwölfter Straße schwillt die Menge der gleichermaßen Trauernden und Feiernden weiter an: Auch in anderen Teilen der Stadt und des gesamten Landes versammeln sich Menschen an symbolträchtigen Orten – auf der Johannesburger Nelson-Mandela-Brücke, vor dem einstigen Mandela-Haus im Township Soweto, vor der Villa in seiner Heimatstadt Qunu.

Neben Staatspräsidenten, traditionellen Oberhäuptern und prominenten Persönlichkeiten aus aller Welt meldeten sich auch seine Vorgänger und Ko-Friedensnobelpreisträger zu Wort: Er habe vor allem seinen „bemerkenswerten Mangel an Bitterkeit“ bewundert, sagt der letzte weiße Präsident des Landes, Frederik Willem de Klerk über Mandela, den seine ihm eigene Würde vor zahllosen Erniedrigungen in 27 Gefängnisjahren geschützt hatte.

Mandela sei vielleicht „kein Heiliger“ gewesen, sagt Erzbischof Desmond Tutu: Er habe jedoch „Wunder bewirkt“.

Aus der ganzen Welt treffen Kondolenz- und Grußbotschaften ein, Radiosender strahlen sandten die ganze Nacht über Sonderprogramme aus, die sozialen Netzwerke Twitter und Facebook laufen heiß unter der Last der Neueinträge.

Nelson Mandelas Popularität war – vor allem in den letzten drei Jahrzehnten seines Lebens – nicht mehr zu überbieten: Das US-Magazin Times kürte ihn zum „Mann des Jahrhunderts“, Staatsmänner, Königinnen und Popstars standen Schlange, um sich neben ihm ablichten zu lassen, Sportler schauten stets nochmals bei Madiba vorbei, bevor sie zu Wettkämpfen aufbrachen. Als ob sie sich von ihm magische Kräfte holen könnten.

„Madiba Magic“ nennen die Südafrikaner das Phänomen: Mandelas Zauber, von dem selbst seine einstige Feinde verhext wurden. Die Hasstiraden weißer Überheblichkeitsfanatiker auf den das Land angeblich in den Ruin treibenden ANC werden gewöhnlich nur von einer einschränkenden Bemerkung unterbrochen: „Nur der Mandela ist anders.“

Mandela selbst hat nie seine Verwunderung darüber verloren, in welchem Maß er zu Lebzeiten zum globalen Mythos und Weltsuperstar geworden ist. Wann immer er anlässlich eines Geburtstages, eines zu seinen Ehren veranstalteten Rockkonzertes oder eines Staatsbesuchs in fernen Landen mit nicht enden wollendem Applaus gefeiert wurde, war seinem verzückten Lächeln anzusehen, wie überrascht er insgeheim von dem ganzen Jubel war – als ob das alles gar nicht ihm, sondern einem hoch über ihm schwebendem Alter Ego gelte.

Bei einem Spaziergang auf den Bahamas, so eine seiner Lieblingsgeschichten, sei er mal einem älteren Ehepaar begegnet. Während der Mann ihn sofort erkannte, wusste dessen Frau mit dem Passanten nichts anzufangen und fragte ihren Gatten, wer dieser Herr denn sei. Als sie mit der nervös gestotterten Antwort nichts anzufangen wusste, wandte sie sich direkt an den Fremden: „Wofür sind Sie denn berühmt?“ Darauf, pflegte Nelson Mandela seinen Zuhörern lachend zu verstehen zu geben, habe er auch keine Antwort gewusst.

Symbol stürmischer Zeiten

Als Präsident Jacob Zuma am Freitag Nachmittag die Villa des Verstorbenen aufsucht, sind am Johannesburger Himmel auch noch dunkle Gewitterwolken aufgezogen: Ein Symbol für die stürmischen Zeiten, die der geliebten, aber inzwischen in bedrohliche Schieflage geratenen Organisation des ehemaligen ANC-Präsidenten bevorsteht. Zwei Busse voller Amtsträger der Regierungspartei verschwinden in der Villa des Verstorbenen: „Wir sahen in ihm, was wir in uns selbst suchen“, hatte Jacob Zuma verblüffend aufrichtig in seiner Fernsehansprache zum Tod Mandelas gesagt.

Als die ANC-Führung in Houghton eintrifft, ist der Leichnam bereits ins Militärhospital nach Pretoria überführt worden, dort wird er auf seine mehrtägige öffentliche Aufbahrung vorbereitet. Zehn Tage will Südafrika um Mandela trauern: Dieser Sonntag wurde zum „Nationalen Tag der Trauer und des Gebets“ erklärt, am Dienstag findet im Johannesburger Fußballstadion ein Memorial statt, zu dem 95 000 Menschen erwartet werden, darunter US-Präsident Barack Obama. Das FNB-Stadion war beim Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 der Ort, an dem Mandela seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte.

A m Sonntag, dem 15. Dezember, wird Mandela in Qunu in der Provinz Ostkap beigesetzt, dort, wo er aufgewachsen ist, an jenem Ort, mit dem er, wie er einmal gesagt hat, seine glücklichsten Kindheitsmomente verbindet.