Traumatische Kindheit in Israel: Dror Shauls Film "Sweet Mud": Der Kibbuz ist kein guter Ort

Geh fort von hier, verschwinde, hier sind nur böse Menschen." Die Mutter des 12-jährigen Dvir stößt diese Wörter hervor wie Beschwörungen, wie die letzte, verzweifelte Warnung, den verfluchten Ort zu verlassen, solange Flucht noch möglich ist.Der Schauplatz des Schreckens ist ein Kibbuz in Israel, im Sommer 1974: das Jahr, in dem Dvir seine Bar Mizvah erleben soll. Alles wird hier bis ins Kleinste geregelt. Die Gemeinschaft übernimmt die Erziehung der Kinder, die in speziellen Häusern untergebracht werden. Die Nächte dort bedeuteten für viele Israelis eine traumatische Grunderfahrung. Auch der vaterlose Dvir, der Held aus "Sweet Mud - Im Himmel gefangen" muss sich in die strikte Ordnung finden und kann doch nicht zur Integration gelangen. Der traurige Zustand seiner depressiven Mutter verhindert das. Die aktionistische Kibbuz-Gemeinschaft ist kein Ort für Schutzbedürftige wie sie. Mit ihrer durchscheinenden Zartheit wirkt die Mutter wie ein Fremdkörper unter den robusten Kibbuz-Bewohnern; das Ex-Model Ronit Yudkevitch spielt eindrucksvoll ihre erste Kinohauptrolle. In einer der erschütterndsten Szenen wird die protestierende Mutter nachts nah an Feuern vorbeigetragen; die Assoziation zur Hexenverbrennung ist nicht zufällig.Als Sohn einer Außenseiterin, vom älteren Bruder weitgehend ignoriert, sieht Dvir die Dinge mit anderen Augen: Er entdeckt hinter der Fassade des Gemeinsinns Verlogenheit. Fast alle Erwachsenen erscheinen kalt, abweisend und gefangen im kollektiven Regelwerk, während die Kinder sich nach Zuwendung und Wärme sehnen. Tomer Steinhof, ein Schüler aus Tel Aviv, stand als Dvir zum ersten Mal vor der Kamera und ist mit seiner Sensibilität die Idealbesetzung für diese Figur, die jenes Unzerstörbare mitbringt, das Kindern mitunter auch in schlimmsten Situationen erhalten bleibt. Mit sehr direktem, oft drastischem Humor erzählt Regisseur Dror Shaul, der den autobiografischen Bezug seines Films nie in Abrede gestellt hat, vom Alltag im Kibbuz. Der Speisesaal wird zur Bühne einer Gemeinschaft, die ungeheuren Konformitätsdruck ausübt. Augenblicke der Befreiung erlebt Dvir nur in der Natur.Kibuzzim, diese Keimzellen des heutigen Israels, haben längst ihre Bedeutung verloren. Viele wurden verkauft oder in Unternehmen umgewandelt - einige so erfolgreich, dass sie reich wurden. Davon war die Bewegung in den 70ern weit entfernt. Im Film steht der Kibbuz schon nicht mehr für ein weltweit bewundertes Ideal, sondern für die Aushöhlung der Träume, für Orthodoxie statt Freiheit. "Sweet Mud", diese kraftvolle Geschichte vom Erwachsenwerden unter drückenden Umständen, gehört zu den radikalsten Werken in einer ganzen Reihe von künstlerischen Auseinandersetzungen mit den Idealen der Elterngeneration in Israel, eine Abrechnung, die gnadenloser nicht ausfallen könnte. Der Film erhielt 2007 den Gläsernen Berlinale-Bären für den besten Jugendfilm.Sweet Mud, Israel/Dtl. 2006. Buch & Regie: Dror Shaul, Kamera: Sebastian Edschmid, Darsteller: Ronit Yudkevitz, Tomer Steinhof, Henri Garcin u. a.; 100 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Als Dvir stand Tomer Steinhof aus Tel Aviv zum ersten Mal vor der Kamera.