Trayvon Martin: Rebellion gegen einen Freispruch

Washington - Es dauerte nur wenige Minuten. Kaum hatte die schwarze Bürgerrechtsbewegung NAACP am Montag ihre Petition zum Fall Trayvon Martin online gestellt, da brach die Internetseite zusammen. So viele empörte Amerikaner wollten ihre Unterschrift unter den Aufruf der einflussreichen afroamerikanischen Organisation setzen. „Es wird Zeit, dass das Justizministerium handelt“, heißt es in dem Text. „Das fundamentalste aller Bürgerrechte – das Recht zu leben – ist in der Nacht verletzt worden, als George Zimmerman (...) Trayvon Martins Leben nahm.“

#textline0

Auslöser der Petition ist der Freispruch für Zimmerman vom Wochenende. Das heute 29 Jahre alte Mitglied einer Bürgerwehr hatte im Februar 2012 den unbewaffneten schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin erschossen. Weil das Gericht nicht sicher feststellen konnte, ob er aus Notwehr oder aus rassistischen Gründen handelte, plädierten die Geschworenen auf „Unschuldig“.

Nach dem Urteil riefen die Führer der Bürgerrechtsbewegung zu Proteste in den großen amerikanischen Städte auf. In Washington marschierten Demonstranten durch den U-Street-District, einem beliebten Viertel mit Kneipen, Restaurants und Clubs entlang des „schwarzen Broadways“. Auf ihren Plakaten stand: „Nur weißes Leben ist geschützt in Amerika“.

In New York trugen Demonstranten lebensgroße Pappfiguren Trayvons durch die Lower East Side, die den 17-jährigen in einem Kapuzenpullover zeigen. Ein solches Kleidungsstück trug Trayvon Martin in jener verhängnisvollen Nacht. „Keine Gerechtigkeit“, hallte es auch durch die Straßen von Atlanta, Baltimore, Chicago, Detroit, Houston, Los Angeles, Miami, Philadelphia, San Francisco und vielen anderen Orten. In Seattle hält der sechsjährige Abdul Kebbeh ein Plakat in der Hand, das größer ist als er selbst. „Schieß nicht, ich bin bloß ein junger Schwarzer“ steht darauf. Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AP hat die Szene festgehalten, die die Stimmung nach dem Urteil vielleicht am besten beschreibt.

#image1

Während es vereinzelt zu Rangeleien mit der Polizei kam, blieben die Proteste überwiegend friedlich. Dazu hatten die Eltern Trayvon Martins und Führer der Bürgerrechtsbewegung aufgerufen. US-Präsident Barack Obama sprach nach dem Freispruch von einer „Tragödie für Amerika“. Jeder Einzelne, aber auch die Gesellschaft müsse darüber nachdenken, „was wir tun können, solche Tragödien in Zukunft zu vermeiden.“

#textline1

Für die Bürgerrechtsbewegung NAACP ist der Kurs für die nächsten Tage klar. Sie will mit der Petition und Protesten den Druck auf das Justizministerium aufrechterhalten, Zimmerman wegen eines Hassverbrechens anzuklagen. Gelegenheit dazu bietet auch die seit langem angesetzte Rede von Justizminister Eric Holder auf der Jahrestagung der Organisation an diesem Dienstag in Orlando.

Das Ministerium signalisierte bereits, es werde die Ermittlungen in dem Fall fortsetzen, die es im vorigen April aufgenommen hat. „Erfahrene Bundesanwälte werden feststellen, ob die Beweise einen verfolgbaren Verstoß im Rahmen der begrenzten Bundesgesetze zum Schutz der Bürgerrechte hergeben.“ Die Strafsache lag in der Zuständigkeit Floridas, weil sich die Tat dort ereignete. Die Bundesanwaltschaft kann ihrerseits nur auf Grundlage der Gesetze gegen Hassverbrechen tätig werden.

Ein Halleluja auf die Bürgerwehr

Experten warnen vor zu hohen Erwartungen. Die Latte für einen Prozess nach Bundesrecht liege ähnlich hoch wie in dem Strafverfahren, bei dem die Staatsanwaltschaft mangels Zeugen nicht jenseits aller „vernünftigen Zweifel“ Zimmermans Schuld beweisen konnte.

Als sehr wahrscheinlich gilt eine Zivilklage von Trayvon Martins Eltern auf Schmerzensgeld. Vorbild dafür wäre der Prozess gegen O.J. Simpson, der nach seinem Freispruch vor einem Strafgericht zu einem Schmerzensgeld in Höhe von 33,5 Millionen Dollar verurteilt worden war. Die Kläger haben in zivilen Verfahren eine nicht ganz so hohe Beweislast zu erbringen.

#image2

Zimmermans Verteidiger hatten in dem dreiwöchigen Prozess in Florida alles daran gesetzt, die Annahme zu zerstreuen, der Sohn eines Weißen und einer Latina aus Peru habe aus rassistischen Motiven gehandelt. Das betonen auch Zimmermans Unterstützer, die überwiegend weiß sind und mit den Rechtspopulisten des Tea-Party-Flügels der Republikaner sympathisieren. Die Publizistin Ann Coulter sieht in dem Bürgerwehrmann einen rechtschaffenen Bürger, der seinen Nachbarn half, eine Einbruchsserie aufzuklären. Nach dem Freispruch twitterte sie: „Hallelujah“.