Als Erich Honecker im September 1987 als erster Repräsentant der DDR zum Staatsbesuch in Bonn empfangen wurde, war dies ein politischer Triumph. „Das war die Krönung seines Lebenswerks“, hielt sein Gastgeber, Bundeskanzler Helmut Kohl, mit einer gewissen widerwilligen Anerkennung, in seinen Erinnerungen fest. Ihm kam es dagegen hart an, die Kommunisten aus Ost-Berlin als gleichberechtigte Staatsgäste zu behandeln. „Es war mir zutiefst zuwider, dass ich mir die DDR-Hymne anhören musste und die DDR-Fahne mit Hammer und Zirkel aufgezogen wurde.“

Knapp zweieinhalb Jahre später, am 13. Februar 1990, empfängt er wieder Staatsgäste aus Ost-Berlin, aber die Vorzeichen haben sich vollkommen verändert. Mit Ministerpräsident Hans Modrow kommt zwar wieder ein Kommunist mit einer stattlichen Delegation von 17 Ministern nach Bonn, doch aus den stolzen Repräsentanten eines souveränen sozialistischen deutschen Staates ist eine traurige Truppe von Bittstellern geworden. Das Ende der DDR ist praktisch schon besiegelt und das der amtierenden Regierung ohnehin, denn für den 18. März stehen Neuwahlen zur Volkskammer an, aus der Modrows SED/PDS ganz gewiss nicht als Siegerin hervorgehen würde.

Wachsende Abwanderung

Während die Gäste aus Ost-Berlin, darunter auch die vom Runden Tisch entsandten Minister ohne Geschäftsbereich, noch Visionen von einer DDR auf einem dritten Weg nachhängen, der die Bundesrepublik mit einem Überbrückungskredit von 15 Milliarden D-Mark auf die Beine helfen soll, sind für die Bonner Macher die entscheidenden Fragen längst geklärt.

Der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow hatte beiden deutschen Regierungschefs, die ihn kurz zuvor jeder für sich in Moskau aufgesucht hatten, bedeutet, dass die Sowjetunion keine grundsätzlichen Einwände mehr gegen die deutsche Einheit habe. Den konkreten Weg dahin müssten die BRD und die DDR alleine finden.

Modrow hofft auf einen längeren Prozess, der über eine Konföderation der beiden deutschen Staaten führen soll. Kohl macht den Besuchern aus Ost-Berlin hingegen klar, dass die Einheit nun so schnell wie möglich angestrebt werden sollte, und als erster Schritt dahin eine Wirtschafts- und Währungsunion zu schaffen sei. Er folgt dabei nicht nur eigenen politischen Ambitionen, sondern auch ökonomischen Zwängen und dem in der DDR immer lauter werdenden Ruf: Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, kommen wir zu ihr.

Seit der Öffnung der Grenze hat eine stetig wachsende Abwanderung von Ost nach West eingesetzt, die DDR droht auszubluten. In dieser Lage haben die in den Augen der Bundesregierung ohnehin nicht mehr legitimierten Vertreter des anderen deutschen Staates nicht mehr viel zu melden.

Höhepunkt des Besuchs ist ein gemeinsamer Auftritt Kohls und Modrows vor der Bundespressekonferenz, die einen selten gesehenen Andrang erlebt. Die beiden Politiker müssen von außen über die Feuertreppe in den als „Aquarium“ bekannten gläsernen, vollkommen überfüllten Saal geführt werden. Die üblichen Zugänge blockieren Journalisten.

Der Korrespondent der Zeitschrift Die Zeit, Gunter Hofmann, hat die Szenerie damals so beschrieben: „Wie Sinnbilder ihrer Republiken wirken sie, Hans Modrow und Helmut Kohl, nebeneinander im Saal der Bundespressekonferenz. Ihre Gemütslage, aber auch etwas von dem Zustand, in dem sich Deutschland-West und Deutschland-Ost befinden, drückt sich im Erscheinungsbild aus. Das ist kein harmonisches, kein gleichberechtigtes Gespann. Und da wächst auch nicht zusammen, was zusammengehört. Der Bonner Kanzler verkörpert eine Menge von dem, was aus der Bundesrepublik geworden ist. Mächtig tritt er auf, füllig, zufrieden, fordernd und auch ein bisschen pathetisch, als wäre er die deutsche Mitte in persona.

Der Ministerpräsident aus Ost-Berlin zeugt von einem Deutschland, das sich verflüchtigt. Noch schmaler geworden ist Modrow, blass, tiefe Falten auf der Stirn; es zerrinnt ihm alles zwischen den Händen. Er spürt ja auch: Aus dem Helden von gestern wird heute der treueste Genosse Honeckers gemacht, der auf das Volk habe einprügeln lassen (woran etwas sein mag, aber nicht zufällig wird es erst jetzt in die Schlagzeilen lanciert).“

Modrow versucht, die Würde zu bewahren. Wenn es um die Bedingungen der Einheit gehe, dürfe man die stolze Parole „Wir sind das Volk“ nicht vergessen, die vom „Volk der DDR“ geprägt worden sei. Dass ein ehemaliger Spitzenfunktionär der SED, gegen die sich die Parole ursprünglich gerichtet hatte, sie nun gegen den westdeutschen Kanzler in Stellung bringt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Kohl reagiert genervt. Auch von den Zahlen, die Modrow präsentiert um zu zeigen, dass die DDR auch etwas mitbringe: Das Nettonationalvermögen betrage 1,4 Billionen Mark, darunter in Staatseigentum 980 Milliarden Mark und 6,2 Millionen Hektar unbelastete landwirtschaftliche Nutzfläche. Am tatsächlichen Bankrott seines Staates ändert das nichts.

Bedingungslose Übergabe

Am Ende weisen die Bonner alle Wünsche der Ost-Berliner zurück. Im Wirtschaftsministerium soll die „Verhandlung“ mit den Kollegen aus der DDR über die Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion ganze zehn Minuten gedauert haben, dann waren die westdeutschen Bedingungen akzeptiert. Sie waren von zwei Männern im Bundesfinanzministerium erarbeitet worden, die später noch ganz anderen Ruhm erwerben sollten: Von Staatssekretär Horst Köhler und seinem Abteilungsleiter Thilo Sarrazin. Beide Seiten vereinbaren die Bildung einer gemeinsamen Expertenkommission zur Vorbereitung der Währungsunion. Das ist das wesentliche Ergebnis dieses Besuchs.

Kohl erkennt die Seelenlage seiner Gäste durchaus. „Die Delegation aus Ost-Berlin hatte so gut wie nichts erreicht und fühlte sich gedemütigt“, schreibt er in seinen Erinnerungen. Ein wenig scheinheilig fügt er hinzu: „Doch was hätte ich anders machen sollen?“ Er habe dann aus Ost-Berlin den Vorwurf gehört, mit diesem Tag habe die bedingungslose Übergabe der DDR an die Bundesrepublik begonnen. Unsinn, befindet der Kanzler der deutschen Einheit: „Davon konnte doch überhaupt keine Rede sein.“