Endlich hat auch das Ruanda-Tribunal einen eigenen Chefankläger, einen, der sich mit ganzer Kraft, auf einer Vollzeitstelle, mit der Ahndung während des Völkermords 1994 begangener schwerster Verbrechen widmen kann. Hassan Jallow, 52, Richter aus dem westafrikanischen Gambia tritt am Montag am Sitz des internationalen Strafgerichts im tansanischen Arusha sein Amt an. Carla del Ponte, die es bisher mehr inne hatte als ausfüllte, hat ihren Nachfolger in den vergangenen Tagen rasch eingearbeitet. Erst Anfang September hatte ihn der Weltsicherheitsrat auf Vorschlag von Kofi Annan ernannt.Die auf höchster Ebene entschiedene Personalie beendet konfliktreiche und wenig produktive Jahre für eine Institution, die Hauptschuldige des Genozids in Ruanda zur Verantwortung ziehen soll. 1994 waren unter eifriger Mittäterschaft der Hutu-Mehrheitsbevölkerung innerhalb von 100 Tagen über 800 000 Angehörige der Tutsi-Minderheit und moderate Hutu ermordet worden.Über 40 Haupttäter warten in Arusha auf Prozess und Urteil. Trotz guter Ausstattung - 16 Richter, 800 Mitarbeiter - wurden erst acht Fälle abgeschlossen. Carla del Ponte, zugleich Chefanklägerin für das Jugoslawien-Kriegsverbrechertribunal, hatte wenig Zeit für ihren afrikanischen Arbeitsplatz aufgewendet, nur 35 Tage pro Jahr. Beide Tribunale sind nach internationalem Recht gleichrangig. Aber der Eindruck war stark, die Praxis entspräche diesem Grundsatz nicht. Deshalb vor allem wurde die Trennung beschlossen - gegen den Willen Carla del Pontes. Sie bleibt Chefanklägerin in Den Haag, Hassan Jallow kommt für zunächst vier Jahre nach Arusha.Er wechselt den Ort, am Gegenstand seiner Tätigkeit ändert sich wenig. Seit Beginn des Jahres 2002 war er Berufungsrichter am Internationalen Strafgericht in Sierra Leone. Auch dort geht es um Männer, die Massaker befahlen, die Milizen anstifteten, Zivilisten mit Buschmessern Gliedmaßen abzuschlagen. Das Ruanda-Tribunal ist wegen der hohen Opferzahl, aber auch wegen der präzisen Planung des Völkermordes durch den gesamten damaligen Staatsapparat, die Kirchen und gesellschaftliche Organisationen Ruandas um einiges schwieriger. Und es ist viel stärker politischen Einflussversuchen ausgesetzt. Ruandas Regierung besteht heute aus jenen, die 1994 das Morden beendeten. Doch auch sie haben sich bei der Verfolgung der Massenmörder allem Anschein nach schwerer Verbrechen schuldig gemacht. Carla del Ponte, als energische, aber undiplomatische Jägerin bekannt, hatte diese parallel zu den Verfahren gegen die Verantwortlichen des Genozids verfolgen wollen und im Jahr 2 000 Ermittlungen eingeleitet. Ruandas Führer reagierten mit Obstruktion, hinderten zum Beispiel Zeugen, zur Aussage nach Arusha zu reisen. Weil sie auch ihre guten Kontakte in die USA und Großbritannien ins Spiel brachten, kamen unvermeidlich Gerüchte auf, Carla del Pontes Ablösung sei Ergebnis von Intrige.Mehr Sachlichkeit Jallow soll jetzt vor allem mit großer Sachlichkeit die laufenden Prozesse zu Ende führen, sein Mandat schließt die Eröffnung neuer aber nicht aus. Die Erfahrung hat er. In seinem kleinen, von britischer Kolonialzeit geprägten Heimatland Gambia war er zwischen 1984 und 1994 Generalstaatsanwalt und Justizminister, später Richter am Obersten Gerichtshof. 1998 berief ihn Kofi Annan als internationalen Experten in eine Kommission zur Bewertung der Arbeit der Ruanda- und Jugoslawien-Tribunale.Laut Auftrag hat er bis 2004 die Ermittlungen zu beenden, bis 2008 alle erstinstanzlichen Prozesse und bis 2010 auch die Berufungsverfahren abzuschließen."Wenn Carla del Ponte weg ist, wird es besser laufen. " Mitarbeiter des Ruanda-Tribunals in Arusha