TRIFF DIE ELISABETHS! - Lucien Jean-Baptistes rassismuskritische Komödie über eine schwarze Familie in Frankreich, die kein Geld hat und dennoch in den Skiurlaub fährt.: Zwischen Wurzelsuche und Anpassungswahn

Sein Film ist voller persönlicher Erinnerungen und dennoch nicht biografisch: Lucien Jean-Baptiste, geboren 1964 auf Martinique, spielt die Hauptfigur in seinem Film "Triff die Elisabeths!" so überzeugend, dass man ihn leicht mit ihr verwechselt. Aber anders als der liebenswürdige Taugenichts Jean-Gabriel hat Lucien Jean-Baptiste seine Ziele mit großer Hartnäckigkeit verfolgt und erreicht. Mit über dreißig Jahren begann er eine Schauspielausbildung; heute gehört er zu den etablierten Schauspielern des französischen Kinos. "Triff die Elisabeths!" ist sein Debüt als Regisseur.Monsieur Jean-Baptiste, Sie nennen die Großmutter in Ihrem Film Bonne Maman. Das erinnert an eine Marmeladen-Marke gleichen Namens. War das beabsichtigt?(lacht) Diese Marmeladen-Firma war sogar einer unserer Sponsoren, wirklich! Ich habe als Kind meine Großmutter Bonne Maman genannt, nicht Mami, das ist sehr französisch, sehr bürgerlich. Mein Sohn nennt meine Mutter jetzt Mami. Das nenne ich Anpassung!War Ihre Mutter das Vorbild der unglaublichen Großmutter im Film?Ja, bis in einzelne Sätze hinein. Sie war meine Inspirationsquelle. Meine erste Reise in den Schnee, in die Berge, hat meine Mutter organisiert. Obwohl wir kaum Geld hatten. Meine Mutter war von Martinique nach Frankreich gekommen, 7000 Kilometer Distanz, und sie sagte: In die Berge sind es 300 Kilometer, das werden wir doch schaffen. Dieser Satz findet sich auch im Film. Sie wollte, dass wir sechs Kinder von den Antillen in diesem Haushalt ohne Vater wie andere Kinder aufwachsen. Ich hatte Klavierunterricht, denn sie machte den Haushalt bei einem Klavierprofessor und machte einen Deal mit ihm, Haushaltsführung gegen Klavierstunden für uns. Sie kam immer irgendwie durch. Sie war eine unglaublich passionierte Mutter, gerade haben wir ihren 83. Geburtstag gefeiert.Zugleich ist diese Mutter im Film sehr streng mit ihrem Sohn. Sie beschimpft ihn als Taugenichts.Die Mütter von den Antillen kann man ein wenig mit den jüdischen oder italienischen Müttern vergleichen. Sie sind unglaubliche Löwenmütter, wollen vor allem ihre Söhne beschützen - das ist auch ihr Fehler: Sie sind zu dominant, und die Söhne befreien sich nie so richtig aus ihren Klauen. Es kann auch heute noch vorkommen, dass meine Mutter morgens um sieben anruft und fragt: Was machst du denn, arbeitest du nicht?In Ihrem Film spielen Sie mit Klischees, die es über die Leute von den Antillen gibt. Die Männer sind faul, sie spielen an Automaten.Für mich hat das Wort Klischee eine doppelte Bedeutung: Es ist nicht deckungsgleich mit der Realität, dahinter liegt aber eine Realität. Es gibt zum Beispiel viele Männer von den Antillen, die süchtig sind nach Glücksspielen. Sie suchen solche Lösungen, weil sie lange arbeitslos sind. Und was die Arbeit bei der Post angeht, die mein Filmheld Jean-Gabriel nicht machen will: Viele Leute von den Antillen, die nach Frankreich kommen, arbeiten bei der Post. Das ist ein Klischee und eine Realität, der Jean-Gabriel entkommen will. Ich habe diese Klischees alle in den Film gepackt: Er ist faul, er spielt, er arbeitet zuerst bei der Post, aber im Laufe des Films verändert er sich, entwickelt er sich. Er konfrontiert sich mit seinen eigenen Träumen, geht zum Radio, das er liebt. Bei der Post zu arbeiten war eine Art Schicksal für jemanden, der in den 1960ern von den Antillen kam. Jetzt ist es an der Zeit, da herauszukommen. Viele Immigranten vergessen ihre Träume und machen, was sie nicht wirklich gewählt haben. Es ist auch ein wenig meine Geschichte. Ich habe viele Jahre in der Werbewirtschaft gearbeitet, bis ich mir sagte: Das gefällt mir doch gar nicht, das ist doch gar nicht mein Leben. Ich wollte Schauspieler werden. Vielleicht ist das ein wenig meine Botschaft: Man darf seine Träume nicht verabschieden; man muss sie bewahren.Haben die Einwanderer von den Antillen ihre Kultur verleugnen müssen, um in Frankreich anzukommen?Meine Mutter hat uns die Unterschiede zur Umgebung aberziehen wollen. Nun gehören die Antillen zu Frankreich, wir waren Franzosen, aber Mutter hat zum Beispiel mit uns nicht kreolisch gesprochen. Ich kann es leider nicht. Die erste Generation predigte die komplette Identifikation mit Frankreich: Wir sind hier um zu arbeiten und uns anzupassen. Aber es ist besser, ein Gleichgewicht zu finden zwischen dem Bewusstsein für die eigenen Wurzeln und dem Anpassungswahn, den wir zum Teil im Film sehen. Es gibt ja noch eine Scrabble-Szene im Film, in der die Großmutter kreolische Wörter setzt und der Enkelin erklärt. Aber natürlich muss man die Sprache des Landes, in dem man lebt, wirklich erlernen. Ich reise inzwischen viel nach Martinique. Die kreolische Kultur ist dabei zu verschwinden, leider. In meinem nächsten Film, den ich dort drehe, werde ich davon erzählen. Die Traditionen, die Einzigartigkeit werden längst von den Regeln des Marktes verschluckt. Sehen Sie hier dieses Foto (zeigt ein Bild auf seiner Digitalkamera): Das ist Carrefour, die französische Supermarkt-Kette. Das kann überall sein, auch in einem Pariser Vorort. Muss ich achttausend Kilometer reisen, um in meinem Vorort anzukommen?Interview: Christina Bylow------------------------------Foto: Lucien Jean-Baptiste, Schauspieler und Regisseur