INNSBRUCK, 3. Januar. Es sollte ein historisches Springen werden, dieser dritte Durchgang der Vierschanzentournee am Innsbrucker Bergisel. In den österreichischen Medien hatte es in den vergangenen Tagen nur ein Thema gegeben: Wann gewinnt endlich ein Skispringer aus Tirol das traditionelle Springen in der Landeshauptstadt? Den "ersten Sieg seit Andreas Hofer" hatte man sich erhofft ein gewagter Vergleich: Freiheitskämpfer Hofer führte Anfang des neunzehnten Jahrhunderts den Tiroler Aufstand gegen die bayerische Fremdherrschaft. Unter Hofer gewannen die Aufständischen im Jahr 1809 am Bergisel gleich drei Schlachten gegen eine bayerisch-französische Allianz. Der Bergisel ist seither ein nationales Heiligtum. Andreas Hofer wurde Regent von Tirol für eine kurze Zeit allerdings nur, denn nachdem Österreich wieder auf Tirol verzichtet hatte, wurde Hofer auf Befehl Napoleons erschossen.Zweimal die Bestweite Die Hoffnung der Einheimischen hat sich am Montag tatsächlich erfüllt: Vor 25 000 begeisterten Zuschauern kürte sich der Tiroler Andreas Widhölzl höchstselbst zum neuen Regenten am Bergisel. Widhölzl, der bereits am Neujahrstag in Garmisch-Partenkirchen gewonnen hatte, gelangen in beiden Durchgängen die Bestweiten (114 und 112,5 Meter). Souverän gewann er damit vor dem Deutschen Martin Schmitt (112/110) und dem Finnen Janne Ahonen (111/112,5), dem Tourneesieger der vergangenen Saison. "Es is an Wahnsinn, es is an Wahnsinn", viel mehr als diese Worte brachte Widhölzl, der große Schweiger, zunächst kaum heraus.Der Stadionsprecher und der Reporter des österreichischen Fernsehens überschlugen sich und feierten den ersten Tiroler Sieg. Zwar hatte in den neunziger Jahren dreimal Andreas Goldberger am Bergisel triumphiert doch der, auf diese Feinheiten kommt es an, stammt aus Oberösterreich und eben nicht aus Tirol.Zum Festtag der Österreicher trug auch der deutsche Bundestrainer Reinhard Heß ein Ständchen bei. Zunächst schüttelte er eine kleine Ewigkeit die Hand seines Kollegen Alois Lippburger, der Widhölzl betreut, dann lobte Heß den Spitzenreiter dieser Tournee: "Ich bewundere Andreas Widhölzl, wie er sich in der Höhle des Löwen durchgesetzt hat. " Es sei eine "phänomenale Konkurrenz" gewesen, erklärte Heß, "wie ich es vielleicht überhaupt noch nicht erlebt habe". Im Finale der besten dreißig Springer wechselte rasant die Führung allein unter den letzten (und besten) acht Athleten war dies fünfmal der Fall. Zunächst Goldberger, dann der zweimalige Olympiasieger Kazuyoshi Funaki (Japan), schließlich Ahonen, danach Schmitt und zum krönenden Abschluss Widhölzl, der so die Prophezeiung des ÖSV-Sportdirektors Toni Innauer erfüllte: "Wenn es sein muss", hatte Innauer orakelt, "springt der Andy auch 116 oder 117 Meter. Der hat keine Angst. Er fliegt auch im Finale am weitesten. " Andreas Widhölzl ist zurzeit der konstanteste Springer der Weltelite, vielleicht noch eine Winzigkeit besser als Martin Schmitt. Widhölzls schlechtestes Saisonergebnis war ein vierter Rang in Villach Schmitt kam in Garmisch auf Rang elf. Widhölzl hatte die ersten beiden Wettbewerbe im finnischen Kuopio ausgelassen, gewann dann Anfang Dezember zweimal im italienische Fleimstal. Im polnischen Zakopane, wo Schmitt doppelt siegte, wurde Widhölzl jeweils Dritter, wie auch zu Tourneebeginn in Oberstdorf. Nach seinem Erfolg am Neujahrstag in Garmisch-Partenkirchen feierte Widhölzl nun in Innsbruck seinen insgesamt elften Tagessieg im Weltcup. In der Saisonwertung hat er mit 630 Punkten weiter gegenüber Schmitt (764) aufgeholt.Martin Schmitt ließ in Innsbruck mit seinem zweiten Rang die Platzierung von Garmisch vergessen. Er schaffte dies, obwohl er gesundheitlich ein wenig gehandicapt war. In der Nacht zum Montag hatte er sich wegen einer Magenverstimmung dreimal übergeben müssen. "Früh war er noch etwas schwach auf den Beinen", erklärte Bundestrainer Heß. "Dieser Fakt steht. " "Nur Details" mochte Heß aber an Schmitts "Topleistung" kritisieren. Relativ spät sei der 21-Jährige abgesprungen. "Er hat die Kante nicht ganz erwischt. " Schmitt äußerte sich dennoch zufrieden. "Es waren zwei gute Sprünge", sagte er, "der Andy Widhölzl war heute bärenstark. " Zu stark auch für Schmitts besten Kumpel Sven Hannawald, der nach zwei vierten Rängen diesmal auf Platz sieben kam. Am Tiroler Hausberg haben die Deutschen seit 1984 (Weißflog) nicht mehr gewonnen. Dennoch war Heß einigermaßen zufrieden, denn in Innsbruck habe man in jüngster Vergangenheit "nur Schläge eingesteckt".