BERLIN, 11. April. Winfried Schäfers angekratzte Stimme kam kaum noch an gegen die Sprechchöre. Draußen standen die wütenden Fans und skandierten: "Schäfer raus!" Drinnen, im Pressezelt, war der Trainer von Tennis Borussia Berlin unfähig zu einer Analyse. Nach dem 0:4 gegen den VfL Bochum sagte der leichenblasse Schäfer: "Ich muss dieses Spiel erst verarbeiten." Die sonst so zurückhaltende Anhängerschaft sorgte derweil für Szenen, wie sie TeBe noch nie erlebt hat in der 98-jährigen Klubgeschichte: Ordner mussten die Menge zurückhalten und Schäfer unter Geleitschutz stellen. Erst um 23 Uhr kehrte Ruhe ein am Mommsenstadion. Zuvor hatten die Fans zwischen totaler Verachtung ("Wir sind Borussen - und ihr nicht!") und höhnischem Gelächter für Mannschaft, Trainer und Klubführung geschwankt. "Alle raus!" hieß es am Ende. Und immer wieder wurde der Name des vor eineinhalb Jahren entlassenen Trainers skandiert: Hermann Gerland. Mit dem Arbeiter konnte sich das Publikum identifizieren, mit Schäfer (1,8 Millionen Mark Gehalt jährlich), nicht. Das zeigten die letzten Sprechchöre: "Du fährst Porsche - und wir nicht." "Für diese Äußerungen habe ich kein Verständnis", sagte ein sichtlich geschockter Aufsichtsratsvorsitzender Erwin Zacharias, "TeBe spielt schließlich die zweite Saison um den Aufstieg." Das stimmt nur noch bedingt. Die Chancen sind bei fünf Punkten Rückstand eher minimal - und das trotz elf Millionen Mark Transfer-Investitionen. Schäfer hatte seinen Kritikern vor dem Spiel gegen Bochum sogar noch eine Vorlage geliefert: "Mit diesem Kader müsste man um Platz eins oder zwei spielen." Doch sein Ensemble ist in zerstrittene Grüppchen zerfallen. Das räumt Schäfer selbst ein, ohne aber die Schuld bei sich zu suchen: "So viel Theater habe ich noch nirgends erlebt."Ausreden immer einfallsreicherDie Ausreden werden derweil immer einfallsreicher. "Ewald Lienen hat in Köln in der Rückrunde nur neun Punkte geholt und wird nicht in Frage gestellt. Schäfer hat elf geholt", sagte Zacharias. Geht es nach dem Klubchef, wird Schäfer seinen weinroten Porsche weiterhin Richtung Charlottenburg lenken: "Die Trainerdiskussion hat sich vor dem Spiel nicht gestellt. Sie stellt sich auch nach dem Spiel nicht."Aber noch am Dienstag traf sich der Vorstand der Göttinger Gruppe und besprach die Krise bei TeBe. Der Widerstand gegen Zacharias Alleingang wächst. Nicht zuletzt, weil sein angeblich angeschlagener Konzern sich das kostspielige Fußball-Engagement eigentlich nicht mehr leisten könne, heißt es. TeBe-Vorstandskollegen fordern seit längerem die Trennung von Schäfer.Doch Zacharias, der sich vor den finanziellen Folgen einer Entlassung (vier Millionen Mark Abfindung) des Übungsleiters fürchtet, werde frühestens am Saisonende umdenken, heißt es. Gerüchte, TeBe habe den in Duisburg entlassenen Friedhelm Funkel kontaktiert, ließen sich bisher nicht verifizieren.Die Mannschaft ist seit Schäfers Dienstantritt nur noch ein Trümmerhaufen. Im Team herrscht Misstrauen, weil einzelne Schäfer-Vertraute jedes in der Kabine gesprochene Wort dem Coach zutragen. Schäfer besitzt kaum Autorität, nur eine Hand voll Profis hält zu ihm. Der Rest lacht über ihn (Spitzname: Blondine), weil er immer wieder Schwächen zeigt. So bei taktischen Besprechungen, in denen laut Spielern immer wieder deutlich wird, dass der Coach nicht einmal die Gegner richtig kennt.Für Unruhe sorgte auch die mittlerweile siebte Suspendierung unter Schäfer, dieses Mal traf es Ansgar Brinkmann. Im Training hatte der sich eine Rangelei mit Francisco Copado geliefert. Zeugen sagen, Copado habe zuerst zugeschlagen - aber Schäfer feuerte Brinkmann. Das begründete der Coach, der die Szene selbst nicht sah, damit, dass er die Spieler befragt und sieben von acht anwesenden Profis gegen Brinkmann votiert hätten. An ein derartiges Abstimmungsergebnis aber kann sich zum Beispiel Jens Melzig "absolut nicht erinnern". Wieder einmal hörte Schäfer bei seinem Entschluss auf Spieler wie Matthias Hamann, die er für Verbündete hält. Spieler, die ihren Zenit überschritten haben und bei Aufstieg wohl keine Perspektiven bei TeBe hätten - und an deren Erfolgswillen deshalb einige Kollegen zweifeln. Hamann, am Montag Kapitän, wollte sich dazu nicht äußern. Dafür wurde Brinkmann nach Hamanns blamabler Leistung deutlich: "Der, der nach Akrapovic auch mich rausmobben will, hat nicht einmal Regionalliga-Niveau. So was trägt bei uns die Kapitänsbinde." Und: "Ich bin rückwärts schneller als Hamann vorwärts." Für Schäfer fand Brinkmann auch noch Worte: "Jeder Trainer, unter dem ich gespielt habe, würde mich aufstellen. Nur Schäfer gibt mir kein Vertrauen." Brinkmann will weg. Damit ist er nicht allein, Copado traf sich bereits mit Horst Ehrmantraut (Hannover 96), und Zbigniew Szewczyk verhandelt mit Sachsen Leipzig.SCHÄFERS BILANZ Elf Niederlagen, zehn Platzverweise // Von den 37 Spielen seit Winfried Schäfers Dienstantritt als Trainer bei Tennis Borussia am 24. März 1999 gewann der Klub 12 Partien, verlor 11, spielte 14 Mal unentschieden. Torverhältnis: 41:42.Während seiner Amtszeit durfte Schäfer (Vertrag bis 2002) für 11,5 Millionen Mark acht Spieler kaufen. Für rund zwei Millionen gab TeBe zehn Profis ab.Probleme hat TeBe mit der Disziplin: Melzigs Gelb-Rote Karte gegen Bochum war der zehnte Platzverweis in der Saison. Schäfer wurde seit Dienstantritt dreimal auf die Tribüne verbannt.Auch im Internet diskutieren die Fans über Trainer Schäfer: www. tennis-borussia. de CONTRAST Hängen und Würgen: TeBes Sergej Kirjakow (unten) im Griff von Bochums Mirko Dickhaut.CONTRAST Winfried Schäfer in Bedrängnis: Nach dem 0:4 gegen Bochum forderten Fans seine Entlassung.