Nur manchmal ergreife ihn noch tiefe Traurigkeit. Vor allem auf langen Autofahrten. "Dann kommen mir noch heute die Tränen", bekennt Ulrich Kirchhoff. Der olympische Goldreiter von Atlanta hat den Verlust seines Paradepferdes Jus de Pommes wenige Wochen nach dem triumphalen Erfolg noch nicht verwunden. "Es ist so, als ob du einen sehr guten Freund verloren hast." Die spontanen Gedanken, nach dem schmerzlichen Tod des zehnjährigen Fuchshengstes ganz aus dem Sattel zu steigen, sind allerdings verflogen. Ulrich Kirchhoff: "Das Leben muß ja weitergehen. Und ich bin ja erst 29. Trotz der beiden Goldmedaillen stehe ich ja erst am Anfang meiner sportlichen Karriere."Nach Berlin zum Turnier der weltbesten Reiter hat Kirchhoff gleich vier Pferde mitgebracht: die zehnjährige Stute Topsi, den gleichaltrigen Hengst Emilion sowie die achtjährigen Hengste Hoek's Ginius und Glenrig. Insgesamt stehen auf seinem Reiterhof im westfälischen Rosendahl bei Borken 15 Pferde. "Doch ein richtiger Kracher, einer wie Jus de Pommes, ist wohl nicht darunter", mutmaßt Kirchhoff, hofft aber, sich zu irren. Zugleich hält der Olympiasieger Ausschau nach einem neuen Ausnahmepferd. Die Finanzierung dürfte keine Hürde sein. "Meine Sponsoren sind daran interessiert, daß ich so rasch wie möglich wieder ganz vorn mitreite", sagt Kirchhoff. Unterstützt wird der Westfale, der einst in Mühlen bei Alwin Schockemöhle in die Lehre ging, von Bundestrainer Herbert Meyer. "Uli ist ein Top-Reiter, um in der Weltspitze zu bestehen, braucht er auch ein Top-Pferd." Meyer rät allerdings von überhasteten Entscheidungen ab: "Ich weiß, Uli hat ein bestimmtes Pferd in Deutschland im Auge; ich bezweifle allerdings, daß es das richtige ist." Seiner Meinung nach sei Emilion besser als die Pferde, die gegenwärtig in Deutschland möglicherweise zu kaufen sind. "Ich gehe davon aus, daß Kirchhoff mit Emilion alle Chancen hat, im nächsten Jahr bei den Europameisterschaften in Mannheim an den Start zu gehen", so der Bundestrainer. Der Auftakt des Olympiasiegers in der Deutschlandhalle am Donnerstag abend beim Preis von Brandenburg ging gründlich daneben. Die Stute Topsi riß gleich das erste Hindernis, später verweigerte sie den Sprung über einen Oxer ganz. Kirchhoff gab schließlich auf. "Das kann passieren", nahm der Reiter das vorzeitige Ausscheiden nicht ganz so tragisch. "Die jungen Pferde müssen sich erst an die Atmosphäre in den großen Hallen gewöhnen."Der Reiter selbst, beim CHI 1995 noch ein Nobody, ist in der Publikumsgunst der Deutschlandhallen-Besucher in die erste Reihe aufgerückt. Nur drei Aktive wurden am Donnerstag mit mehr Beifall begrüßt. Und diesen dreien gehört auch Kirchhoffs ganze Sympathie. "Für mich bleibt trotz meines Doppelerfolges von Atlanta Ludger Beerbaum die Nummer eins. Es ist schon bewundernswert, wie cool Ludger an jedes Springen herangeht", zollt Kirchhoff seinem goldenen Mannschaftskameraden und Vorgänger als Einzel-Olympiasieger höchste Anerkennung. Unmittelbar dahinter ordnet er Hugo Simon ein, den unverwüstlichen Österreicher. "Hugo ritt schon bei Olympia, da ging ich noch nicht einmal zur Schule. Kämpferisch ist er für alle ein Vorbild."Ludger Beerbaum und Hugo Simon liegen in der aktuellen Weltrangliste auf den Rängen eins und drei. Über die Nummer zwei, Franke Sloothaak, gibt der Olympiasieger keinen Kommentar ab. Bei Sloothaak hatte er vor vielen Jahren einmal als Pferdepfleger begonnen. Wenn er nicht spurte, so erzählt man sich, habe Sloothaak schon mal die Reitstiefel nach seinem Angestellten geworden haben. Und obwohl sie nach dem gemeinsamen Mannschaftserfolg von Atlanta sich gegenseitig zuprosteten, Freunde sind sie nicht. "Das muß wohl auch nicht sein", hakt Kirchhoff das Thema ab. Richtig eng befreundet im internationalen Elitefeld ist er nur mit einem: mit Holger Wulschner, dem gebürtigen Brandenburger, der in der Deutschlandhalle als Lokalmatador immer besonders gefeiert wird. "Vielleicht liegt es daran, daß wir zur gleichen Zeit an die Tür zur Nationalequipe klopften, aber mit Holger verstehe ich mich einfach glänzend", unterstreicht Kirchhoff. Nach dem Tod von Jus de Pommes habe Wulschner ihm sogar sein Pferd Capriol angeboten. Das aber habe er abgelehnt. "Mein Wunsch ist es, mit Holger gemeinsam zum nächsten Gold zu reiten - möglichst schon bei der EM, spätestens aber bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney." +++