Um den Kremlkritiker Alexej Nawalny war es zuletzt recht ruhig geworden, während sich Russlands Präsident Wladimir Putin unter dem Eindruck der Annexion der Krim und des Ukraine-Konflikts einer Rekordzustimmung erfreute. Nun aber formieren sich Nawalnys Unterstützer wieder, und zwar im Internet. Eine Facebook-Seite, von einem seiner Mitstreiter ins Netz gestellt, hat innerhalb von zwei Tagen mehr als 26 000 Fürsprecher gefunden. Es ist bereits der zweite Versuch, eine solche Anlaufstelle im Netz zu schaffen. Der erste war von Facebook kassiert worden – offenbar auf Aufforderung der russischen Medienaufsicht. Sie hatte den Betreibern der Seite vorgeworfen, nicht genehmigte Massenkundgebungen zu bewerben.

Dass der Einfluss der Zensoren so stark war, dass sich selbst der Social-Media-Riese aus den USA ihnen beugte, war in dieser Form ein Novum. Bislang konnten sich politisch Interessierte und Aktivisten auf das Netzwerk von Mark Zuckerberg verlassen, während auf russischen Blogs und Nachrichtenseiten die Gefahr von Internetsperren schon lange allgegenwärtig ist.

Facebook selbst, das sich mit einer Welle der Entrüstung konfrontiert sah, wollte auf Nachfrage weder bestätigen noch dementieren, dass das Unternehmen der Aufforderung russischer Behörden gefolgt sei. Inzwischen tauchen Seitenklone auf, die keiner Zensur unterliegen, unter ihnen jener, auf dem jetzt stündlich Hunderte neue Unterstützer per Klick erklären, sie würden für den Blogger Nawalny auf die Straße gehen. Von Facebook hieß es am Montag, diese Seite werde auch weiterhin nicht geblockt – auf die Gefahr hin, russlandweit abgeschaltet zu werden.

Ein seit Februar gültiges Gesetz erlaubt es den russischen Behörden, Ankündigungen nicht genehmigter Proteste als Aufruf zu Massenunruhen zu werten. Der Generalstaatsanwalt darf Webseiten, auf denen ein solcher Aufruf erscheint, ohne Gerichtsbeschluss sperren – gegebenenfalls auch ganze Netzwerke. Blogs mit Verweisen auf Nawalny wurden zensiert, ebenso eine gleichlautende Protestankündigung im russischen Facebook-Pendant vkontakte.

Alexej und sein Bruder Oleg Nawalny stehen vor Gericht. Ihnen wird Veruntreuung vorgeworfen. Kritiker und Unterstützer halten den Prozess für rein politisch motiviert. Nawalny ist einer der schärfsten Kritiker von Präsident Putin. In Umfragen der vergangenen Monate war das Interesse der Russen an seiner Person eher rückläufig. Das Staatsfernsehen führte den nationalistisch gesinnten Anti-Korruptionskämpfer, wenn es ihn überhaupt zeigte, vor allem als Angeklagten vor. Nawalny steht unter Hausarrest, einer breiteren Öffentlichkeit war er kaum noch präsent.

Das scheint sich jetzt jedoch zu ändern. Als die Staatsanwaltschaft vor wenigen Tagen zehn beziehungsweise acht Jahre Haft für ihn und seinen Bruder forderte, kam der Ruf auf, im Fall eines Schuldspruches am Tag der Urteilsverkündung am 15. Januar in St. Petersburg und Moskau öffentlich zu protestieren. Russlands Zensoren haben ihm nun unfreiwillig neue Aufmerksamkeit verschafft.