Tunceli - Ein sanftes Tal voller Gras und Disteln, alten Eichen und Olivenbäumen, ein ausgetrockneter Bach. Der Berglandschaft nahe dem Dorf Pinar in Ostanatolien sieht man die Tragödie nicht an. „Drei Säcke mit menschlichen Knochen haben wir 1980 hier geborgen. Auch Frauenhaar. Alles lag noch da“, sagt Metin Celik, ein kräftiger Mann mit weißem Bart. Er stimmt leise ein Trauerlied an. Neben dem 51-Jährigen steht der sechs Jahre jüngere Yasar Kaya. Der hochgewachsene Mann blickt auf die Furche im Boden und sagt dann in fließendem Deutsch: „Sie nennen es Dere Mayutu, Leichenbach.“
Es war an einem Sommertag vor 75 Jahren, als türkische Soldaten in der Morgendämmerung kamen, siebzig Dorfbewohner fesselten und zum Bach führten, wo Maschinengewehre aufgebaut waren. „Den Großvater und sechs weitere Angehörige habe ich an diesem Tag verloren“, sagt Kaya. „Nur mein Vater und meine beiden Onkel überlebten.“ Kaya zeigt auf ein Gehölz am Hang. „Dort haben sie sich versteckt und alles beobachtet. Ein Mädchen wurde vor seiner Erschießung noch vergewaltigt – als Jungfrau wäre sie ins Paradies gekommen.“

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