Istanbul - Der verheerende Chemiewaffeneinsatz in Damaskus hat die Frage aufgeworfen, ob nicht nur das syrische Regime, sondern auch die Rebellen über Giftgas verfügen. Eine wichtige Rolle spielt dabei ein Chemikalienfund, den die türkische Polizei im Mai bei einer Razzia in der südanatolischen Stadt Antakya machte. Damals hatten türkische Medien gemeldet, es seien mehrere Personen mit Kontakten zu syrischen Islamisten verhaftet worden, bei denen die Polizei zwei Kilogramm des hochtoxischen Giftgases Sarin gefunden habe. Zwar hatte die zuständige Staatsanwaltschaft den angeblichen Sarin-Fund damals dementiert, doch die Affäre blieb im Dunkeln.

Jetzt hat die Staatsanwaltschaft in Adana Anklage erhoben gegen sechs Verdächtige – einen 35-jährigen Exil-Syrer und fünf Türken -, die im Zusammenhang mit der Razzia im Mai verhaftet worden waren. Sie wirft ihnen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und die Beschaffung von Waffen für eine terroristische Gruppe vor und fordert 15 bis 25 Jahre Haft für sie.

Laut Berichten türkischer Medien ergibt sich aus der 132 Seiten langen Anklageschrift jetzt ein klares Bild der Vorgänge. Demnach haben die Verdächtigen tatsächlich versucht, die für die Herstellung von Sarin nötigen Chemikalien zu erwerben. Sie hätten bei der polizeilichen Vernehmung jedoch erklärt, nicht gewusst zu haben, was sie beschafften, weil sie nur eine Liste abarbeiteten. Die Oppositionszeitung Yurt berichtet, dass es sich bei den zwei Kilogramm beschlagnahmten Chemikalien nach Laboruntersuchungen nicht um Sarin handelte, sondern um Stoffe, die unter anderen dafür benötigt würden, um das Giftgas zu produzieren, wie Thionylchlorid, Kaliumfluorid und weißen Phosphor.

Hauptangeklagter ist der Syrer Hytham Q., der den Kontakt mit einem nicht genannten Terrornetzwerk in der Türkei aufgebaut habe, um die Chemikalien für die islamistischen Rebellengruppen Ahrar al-Sham und Al-Nusra-Front, dem syrischen Al-Kaida-Ableger, zu besorgen. Die Beschuldigten weisen die Vorwürfe zurück, doch verstrickten sie sich in Widersprüche. Der Syrer Hytham Q. habe aber gestanden, dass er im Auftrag des Ahrar-al-Sham-Chefs Abu Walid handelte und zuvor bereits mehrfach Medikamente für syrische Rebellengruppen besorgt habe.

Die türkischen Behörden hatten im Mai einen Tipp erhalten, dass aufständische Syrer in Antakya nach Chemikalien suchten, aus denen Giftgas hergestellt werden könne. Daraufhin wurden die Telefone der Bande abgehört; dabei hätten die türkischen Lieferanten mehrfach darauf hingewiesen, dass für zwei der bestellten acht Chemikalien eine staatliche Genehmigung nötig sei. Bei der anschließenden Razzia wurden elf Personen festgenommen, von denen fünf wieder freigelassen wurden. Der Prozess gegen die sechs Angeklagten soll in Kürze vor dem Strafgericht in Adana beginnen.