Rache ist eine Obsession in der Türkei, auch ihrer Justiz. Diesmal traf sie den Kölner Schriftsteller und Menschenrechtler Dogan Akhanli. Gegen den 56-Jährigen verhängte ein türkisches Gericht am Mittwoch einen internationalen Haftbefehl. Akhanli ist 1991 unter abenteuerlichen Umständen nach Deutschland geflohen, nachdem er zuvor als Aktivist einer kommunistischen Partei in der Türkei verhaftet und gefoltert worden war. In Deutschland erhielt er politisches Asyl sowie die Staatsbürgerschaft und wurde ein geachteter Romancier („Die Richter des Jüngsten Gerichts“).

Die türkische Justiz klagte ihn damals in Abwesenheit an, an einem Bankraub 1989 beteiligt gewesen zu sein, bei dem ein Wachmann zu Tode kam. Als Akhanli 2010 in die Türkei zu seinem todkranken Vater reiste, wurde er festgenommen und vier Monate inhaftiert, doch ein Jahr später freigesprochen.

Gleichwohl wurde Akhanlis Fall – ähnlich wie der seiner Autorenkollegin Pinar Selek, die erst viermal freigesprochen und dann kürzlich in Istanbul zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt wurde – zur Obsession einer Justiz, die im Schutz des Staates ihre höchste Aufgabe sieht.

Dogan Akhanli ist ein bekannter Kritiker des osmanischen Genozids an den Armeniern von 1915, der in der Türkei bis heute offiziell geleugnet wird. Er engagiert sich im Verein „Recherche International“, der sich mit der bildungsorientierten Aufarbeitung von Genoziden befasst. Diese Arbeit verzeiht ihm die Türkei offenbar nicht. Der oberste Kassationsgerichtshof in Ankara verwies Akhanlis Freispruch jedenfalls Ende März zur Neuverhandlung nach Istanbul zurück. Die Staatsanwaltschaft fordert lebenslänglich.

Am Mittwoch sollte die Istanbuler Strafkammer darüber entscheiden, ob sie das Verfahren neu aufrollt. Akhanlis Anwälte sagten, ihrem Mandanten werde ein absurder Prozess gemacht wie in dem berühmten Roman von Franz Kafka. Akhanli war zu der Verhandlung nicht erschienen. Deshalb kündigten die Richter an, einen internationalen Haftbefehl gegen ihn zu erlassen.

Von einer „Farce“ sprach der deutsche Investigativjournalist Günter Wallraff, der mit einer Unterstützergruppe zum Prozess gereist war. Es gehe der türkischen Justiz darum, Akhanlis Stimme in der Türkei zu unterdrücken. Doch kann man jetzt schon feststellen, dass ihr Letzteres nicht gelingen wird. Erst die unbarmherzige Verfolgung hat Akhanli in der Türkei prominent gemacht. Der neue Prozess hat seinen Bekanntheitsgrad vermutlich weiter gesteigert.