Istanbul - Der Schwur des Brautpaars bei der standesamtlichen Hochzeit im liberalen Istanbuler Stadtbezirk Sisli am Sonnabendnachmittag war politisch inspiriert: Die 23-jährige Krankenschwester Nuray und der 25-jährige frühere Medizinstudent Özgür versprachen sich, „zu marodieren, bis dass der Tod uns scheidet“. Die Formulierung ist eine Anspielung auf Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der die Demonstranten im Gezi-Park mehrfach als Marodeure bezeichnet hatte.

Nuray und Özgür hatten sich bei der Besetzung der Grünanlage im Juni kennengelernt, beide versorgten dort Verletzte. Sie verliebten sich ineinander und wollten sich deshalb im Gezi-Park das Ja-Wort geben. Zu ihrer Hochzeit luden sie über soziale Netzwerke „alle Marodeure“ ein, mehr als tausend Gäste kamen. Doch die Polizei trieb die Hochzeitsgäste mit Wasserwerfern auseinander.

Der Liebesschwur war ernst gemeint, der Rest pure Ironie. Auf der Einladung im Internet trug die Braut Gasmaske und hievte den Bräutigam über die Türschwelle. Auch im echten Leben hatte das Brautpaar Vorsorge getroffen: Sie trug zu einem Kleid eines bekannten Istanbuler Designers einen weißen Bauhelm über dem Schleier, er eine Art Pinguin-Anzug samt rotem Helm. Die Bekleidung war eine Anspielung auf die Pinguin-Dokumentationen, die das staatliche Fernsehen ausgestrahlt hatte, statt über die Demonstrationen zu berichten.

„Regierung fürchtet Brautpaare“

Bei der Hochzeit kamen diesmal Zeitungs- und Fotoreporter in großer Zahl. Doch das Happening endete in Tumult und Gewalt, als die Polizei den Gezi-Park erst abriegelte und dann Hunderte Hochzeitsgäste über den angrenzenden Taksim-Platz in die belebte Fußgängerzone Istiklal Caddesi jagte. Dort wandelte sich die Festgesellschaft zur Demonstration und vereinte sich mit einem Protestzug von Gastwirten gegen das städtische Verbot, Stühle und Tische im Szeneviertel Beyoglu auf die Straße zu stellen.

Nach zwei Stunden durfte das Hochzeitspaar dann kurz für ein Foto in den Park, der anschließend sofort wieder gesperrt wurde. „Wir haben jetzt also auch eine Regierung, die sich vor Brautpaaren fürchtet“, kommentierte ein türkischer User auf Twitter.

Auch in anderen türkischen Städten kam es am Wochenende erneut zu Protesten gegen die Regierung Erdogan, der das harte Vorgehen der Polizei laut einer Umfrage der türkischen Sonar-Forschungsgruppe messbar schadet. Demnach käme Erdogans Partei für Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) bei Parlamentswahlen derzeit nur noch auf 44,1 Prozent. Bei der Wahl im Juni 2011 hatte sie 49,8 Prozent der Stimmen erreicht. Die wichtigste Oppositionspartei, die kemalistische CHP, kann sich um fast fünf Punkte verbessern und kommt in der Umfrage auf 28,2 Prozent, die nationalistische MHP steigert sich auf 16,3 Prozent, rund 6 Prozent entfallen auf die kurdische BDP.

Die Umfragewerte seien der Gezi-Krise geschuldet und würden voraussichtlich so bleiben, sagte der Leiter des Meinungsforschungsinstituts, Hakan Bayrakci, der Zeitung Hürriyet Daily News.