ISTANBUL - Im Altertum wurden die Überbringer schlechter Nachrichten gelegentlich geköpft. Im heutigen Kleinasien geht man zivilisierter miteinander um. Als das renommierte Istanbuler Umfrageinstitut Gezici am Montag verkündete, die religiös-konservative Regierungspartei AKP würde derzeit weniger als 40 Prozent der Wählerstimmen erhalten, wurden die Forscher nicht hingerichtet. Es kamen nur am nächsten Morgen Steuerfahnder – wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und der illegalen Beschäftigung.

Denn wo einst antike Tyrannen regierten, geht heute alle Gewalt vom demokratisch gewählten Präsidenten Recep Tayyip Erdogan aus. In drei Monaten sind Parlamentswahlen, und obwohl der Staatschef laut Verfassung parteipolitisch neutral sein sollte, ruft er fast täglich zur Wahl seiner früheren Partei auf. Mindestens 400 AKP-Abgeordnete sollen die Wähler ins 550-köpfige Parlament schicken, wünscht er sich. Mit einer solchen Zweidrittelmehrheit könnte der „große Boss“ die Verfassung ändern und seine Quasi-Alleinherrschaft auch juristisch legitimieren – mit einer neuen Präsidialverfassung „nach türkischer Art“, wie er es gern nennt.

Davon aber ist die AKP weit entfernt. Glaubt man der Gezici-Umfrage, würden derzeit nur noch 39,1 Prozent der Türken ihr Kreuz bei der AKP machen – zehn Prozentpunkte weniger als bei der Wahl 2011. Rund 20 Prozent der Wähler seien noch unentschieden, neigten aber mehrheitlich zur Opposition, sagte Institutschef Murat Gezici. Es sei möglich, dass die AKP sogar unter die 35-Prozent-Marke falle.

Hauptgrund für den Popularitätsverlust der AKP ist laut Gezici eine Korruptionsaffäre im inneren Kreis der Macht um Erdogan, in deren Verlauf bereits vier Minister ihre Posten räumen mussten. Weitere Faktoren seien die ungelöste Kurdenfrage, Probleme mit dem Bildungssystem und der staatliche Druck auf die Medien. „Aus diesen Gründen sagen die Leute: ,Die AKP-Offiziellen sind autoritär geworden, diesmal wähle ich sie nicht.‘ Wir haben das nur veröffentlicht.“

Anzeige gegen Schönheitskönigin

Die prompte Steuerprüfung, die erste seit vier Jahren, nannte Gezici „vielsagend“. „Die Inspektoren kontrollierten, ob wir Steuerschulden haben. Sie stellten fest, dass sie keine Unregelmäßigkeiten fanden. Die Unterlagen beweisen, dass wir unschuldig sind.“

Dass Gezici sein Handwerk versteht, hat das Institut im vergangenen Jahr bewiesen, als es die Ergebnisse der Kommunalwahlen weitgehend korrekt prognostizierte. So ist auch eine andere Umfrage sehr ernst zu nehmen: 60 Prozent der Türken wollten kein Präsidialsystem in ihrem Land, nur 25 Prozent wünschten sich einen Präsidenten mit exekutiven Vollmachten, ermittelte Gezici. Erdogan kann das nicht gefallen.

Doch der Präsident herrscht in der Türkei nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Vielleicht sollte die kleine Razzia ein Wink sein, dass er bei der nächsten Umfrage „ordentliche“ Zahlen erwartet – schließlich zeigt die historische Erfahrung, dass am Ende doch immer die AKP gewinnt.

Je näher aber die Wahlen rücken, desto allergischer reagiert der Staatschef auf schlechte Nachrichten. Mehr als 60 Kritiker hat er persönlich wegen Beleidigung verklagt, täglich kommen weitere dazu, in dieser Woche sogar eine frühere Schönheitskönigin. Merve Büyüksarac hatte auf Instagram ein Gedicht aus einer Satirezeitschrift gepostet, in dem es um Bestechung ging, den Eintrag aber später wieder gelöscht. „Ich habe es geteilt, weil ich es lustig fand“, sagte die „Miss Türkei“ von 2006 der Zeitung Hürriyet. Erdogan war definitiv nicht amüsiert.