SEIFHENNERSDORF, im Oktober. Ausgerechnet Seifhennersdorf! Wen es aus dem fernen Berlin oder dem nahen Dresden hierher ins Dreiländereck zwischen Sachsen, Tschechien und Polen verschlägt, der hat schnell den Eindruck, am Ende der Welt angekommen zu sein. Selbst mittags sind kaum Menschen auf der Straße. Das ehemalige Kino ist längst zugemauert, Läden gibt es nur noch wenige. Gerade einmal 5 000 Menschen leben hier, 1989 waren es noch 2 000 mehr. Jeder Fünfte in der Region ist ohne Arbeit. Und deshalb wundert es kaum, dass sie stolz sind auf einen wie Senol Yegin, den Türken, der bereit war, hier zu investieren. Inzwischen ist er der größte Arbeitgeber am Ort und Ehrenbürger der Stadt. Es war in den Jahren nach der Wende, als die Treuhandanstalt versuchte, die Volkseigenen Betriebe des Ostens zu privatisieren. In vielen Fällen gelang das nicht, und die strukturschwache Oberlausitz bekam dies besonders zu spüren. Innerhalb kurzer Zeit verschwand die traditionsreiche Textil- und Bekleidungsindustrie fast vollständig.Vorzeige-Kunde AirbusSenol Yegin jedoch widersetzte sich dem Trend und griff beherzt zu. 1994 kaufte er die Sächsische Spezialkonfektion Spekon in Seifhennersdorf. Yegin sanierte die Firma, erhielt alle 100 Jobs und stellte bis heute 60 weitere Mitarbeiter ein. "Ich habe alles erfüllt, was ich 1994 bei der Übernahme des Betriebes versprochen habe", sagt der 52-Jährige. Das Unternehmen stellt Spezialtextilien her, zum Beispiel für Fallschirme, Isolierungen oder Verkleidungen in der Luftfahrt.Der bislang größte Coup für Spekon gelang Yegin vor fünf Jahren, als er einen Vertrag mit dem europäischen Airbus-Konsortium aushandelte. "Wir statten die komplette Airbus-Flugzeugfamilie von Innen mit unseren Isolationsmatten aus", sagt Yegin. Der Vertrag hat ein Volumen von 37 Millionen Mark (18,92 Millionen Euro) und beschäftigt die Spekon-Belegschaft für mindestens sieben Jahre. Mit dem US-Flugzeughersteller Boeing ist das Unternehmen ebenfalls im Gespräch, auch er ist an den Spezialtextilien aus Sachsen interessiert. Yegins Engagement in der Oberlausitz ist ungewöhnlich. Nicht nur, weil ohnehin wenige Firmen in der strukturschwachen und abgelegenen Region investieren wollen. Yegin ist überdies einer der wenigen türkischen Geschäftsleute, die es überhaupt nach der Wende in den Osten zog. Ganze fünf Unternehmen gingen aus dem Vermögen der Treuhand an Türken. Heute gibt es in den neuen Ländern schätzungsweise lediglich 1 000 türkische Selbstständige, etwa so viel wie allein in Duisburg. Die meisten von ihnen betreiben die üblichen Dönerbuden, Gemüseläden oder Reisebüros, das Big Business in türkischer Hand findet sich im Osten kaum. Spekon-Chef Senol Yegin hat mit neun Millionen Mark mehr als alle anderen Türken in den neuen Bundesländern investiert. Als er 1994 den Betrieb übernahm, war er freilich kein Anfänger mehr. Zu seiner Gruppe, die er von Istanbul aus lenkt, gehören Firmen in der Türkei, in Polen und in Tunesien. "Ich wollte unbedingt ein Textilunternehmen in Deutschland haben", sagt er. Der Umsatz kletterte unter seiner Führung beachtlich - von 3,6 Millionen Mark im Jahr 1993 auf zuletzt 24 Millionen Mark. Dass Seifhennersdorf für viele Menschen am Ende der Welt liegt, davon will Yegin nichts wissen. Als er seinen Freunden und Bekannten damals von seiner Erwerbung in Deutschland berichtete, breitete er eine große Landkarte auf dem Tisch aus, zeigte auf das sächsische Städtchen und zog mit dem Zirkel ein paar Kreise um den Ort. Voller Stolz sagte er dann: "Schaut her, ich habe mir dort eine Firma gekauft - mitten in Europa."Senol Yegin // Der Unternehmer engagiert sich als einer der wenigen türkischen Geschäftsleute in Ostdeutschland. Die Stadt Seifhennersdorf ernannte ihn kürzlich zum Ehrenbürger, da er die Textilfabrik Spekon rettete und einen deutsch-türkischen Jugendaustausch ins Leben rief.