KARLSRUHE. Erst vor Kurzem hat Michael Jäger Mesut Özil zum ersten Mal in die Augen gesehen. Ein Foto wanderte von Hand zu Hand im Vereinsheim des DJK Westfalia 04 Gelsenkirchen. Eine E-Jugendmannschaft des Vereins war darauf zu sehen, das Bild muss zwischen 1995 und 1998 entstanden sein. In dieser Zeit spielte Özil für den Kreisligisten, dessen Trainingsgelände nicht weit von der Arena des großen FC Schalke 04 entfernt liegt. Seit 1979 ist Jäger bei Westfalia aktiv. An den kleinen E-Jugendspieler Özil aber kann sich der 38-Jährige beim besten Willen nicht mehr erinnern. "Der muss mir irgendwie durchgeschlüpft sein", sagt Jäger.Michael Jäger weiß natürlich, wer Mesut Özil ist. Die Künste des mittlerweile zwanzig Jahre alten Spielers sind Woche für Woche in der Sportschau zu bewundern. Von Westfalia führte der Weg des Talents über Teutonia Schalke, DJK Falke Gelsenkirchen und Rot-Weiß Essen im Jahr 2005 zu Schalke. Im vorigen Winter wechselte er für 3,5 Millionen Euro zu Werder Bremen. Und heute Abend wird Mesut Özil der erste Nationalspieler sein, der seine Laufbahn beim DJK Westfalia 04 Gelsenkirchen begonnen hat.Mit Interesse verfolgt man freilich nicht nur im Ruhrgebiet Özils Karriere. Auch die Türkei hätte gerne gesehen, dass der Jungstar heute für sie sein Debüt in der Nationalmannschaft gibt. In Izmir bestreitet das Team von Trainer Fatih Terim ein Freundschaftsspiel. Doch Bundestrainer Joachim Löw nominierte Özil für das Spiel des DFB-Teams in Düsseldorf gegen Norwegen. Für Özil war das die letzte, entscheidende Bestätigung dafür, seine Chance weiter in Deutschland zu suchen. "Hier wurde ich geboren und zum Fußballer ausgebildet", begründet Özil seine Entscheidung für den DFB und gegen das Land seiner Vorfahren.Schon in der dritten Generation leben die Özils in Deutschland. Der Großvater kam aus einem Dorf am Schwarzen Meer hierher, als Mesuts Vater Mustafa zwei Jahre alt war. Mesut, sein älterer Bruder Mutlu und seine jüngeren Schwestern Nese und Duygu sind alle in Gelsenkirchen geboren.Das sind auch die Zwillingsbrüder Hamit und Halil Altintop. Doch die beiden Bundesliga-Profis von Schalke 04 und Bayern München stehen heute Abend genauso im Kader der Türkei gegen die Elfenbeinküste wie der in Lüdenscheid geborene Nuri Sahin. Mesut Özil ist erst der vierte Deutsche mit türkischen Wurzeln, der für die deutsche Nationalmannschaft auflaufen wird.Dass sich Spieler wie Özil bisher meist für die Türkei entschieden haben, war auch dem Europabüro des türkischen Fußballverbandes zu verdanken. Zu Dogans Zeiten hatte das seinen Sitz in einem Einzimmerbüro in Dortmund. Heute ist es in Köln, und wenn Chefscout Metin Tekin aus dem Fenster seiner schicken Altbauräume schaut, sieht er den Rhein. Seit 2002 sichtet Tekin Talente in Deutschland, die Zentrale in Istanbul lässt sich ihre Dependance 500 000 Euro pro Jahr kosten.Aus fast allen europäischen Ländern arbeiten Tekin 15 Honorartrainer zu. Das Reservoir an Talenten ist riesig. Alleine in Deutschland leben 2,5 Millionen türkischstämmige Menschen. "In den letzten Jahren haben wir für die türkischen Ländermannschaften über hundert Spieler aus Europa gesichtet", berichtet Tekin stolz. Auch Mesut Özil war den Spähern bei einem Sichtungslehrgang aufgefallen. Aber mehr als zum Austausch der Telefonnummern sei es nicht gekommen, erzählte jüngst Mesuts Vater. Er hat seinen Sohn immer darin bestärkt, für Deutschland zu spielen.Im Herbst schickte der türkische Verband sogar die Altintops los, um Özil für sich zu gewinnen. Auch die Brüder hatten keinen Erfolg bei ihm. Özil brillierte da gerade für Werder in der Bundesliga und in der Champions-League, der "kicker" kürte ihn zum Fußballer des Monats September.Als Niederlage für die Türkei sieht Metin Tekin die Entscheidung Özils nicht. "Dass sich Talente, deren Familie mittlerweile in der dritten Generation in Deutschland lebt, für den DFB entscheiden, muss man akzeptieren", sagt er. Auch die Reaktion der türkischen Öffentlichkeit fiel milde aus. Selbst der bekannte Hasan Pulur, politischer Kolumnist der Zeitung Milliyet, fand Özils Entscheidung "in Ordnung". Wenn für die Türkei der Brasilianer Marco Aurelio auflaufen könne, müsse auch Özil für die Deutschen spielen dürfen, erklärte Pulur. Nationalistische und beleidigende Töne fanden sich nur im Internet und im Gästebuch auf Mesut Özils Homepage, das dieser kurzfristig schließen musste. Höchstens Talentscout Tekin muss sich öffentlich die Kritik gefallen lassen, dass er sich nicht früher und mehr um Özil bemüht hat.2006 durfte Mesut Özil erstmals für die deutsche U-19-Nationalmannschaft spielen und gab kurze Zeit später seinen türkischen Pass ab. "Aus Überzeugung", wie sein Berater Reza Fazeli sagt. Bei Schalke 04 hatte sich Mesut Özil da längst einen Namen gemacht. "Mesut ist ein netter, absolut teamfähiger, ruhiger Kerl", sagt Norbert Elgert. Er ist A-Junioren-Trainer bei Schalke, Özil sprach ihm jüngst explizit seinen Dank aus. "Er war schon eines unserer Top-Talente", erinnert sich der ehemalige Schalker Profi. "Im Tempodribbling ist er überragend schnell und seine Technik ist herausragend", sagt Elgert. Er sei schon "ein bisschen traurig", dass Özil nun für Werder Bremen spielt.Auch die türkische Presse berichtet regelmäßig über die Leistungen dieses begabten Spielers mit dem starken linken Fuß, der für seine Größe von 1,80 Meter mit 70 Kilogramm ein bisschen schmächtig wirkt. Seine blendende Technik eignete sich Mesut auf einem Bolzplatz in Gelsenkirchen an. Der Platz war umgeben von einem großen Zaun, sein Belag mit kleinen Kieselsteinen gepflastert. "Affenkäfig" nennt ihn Mesut Özil. Heute begeistert der schüchterne Junge Tausende in den Stadien der Bundesliga. Er hat gute und weniger gute Momente auf dem Platz. Aber weil die guten immer öfter überwiegen, ist nicht nur Joachim Löw davon überzeugt, dass Mesut seinen Weg in der deutschen Nationalmannschaft gehen kann. Der Bundestrainer hat sich zuletzt intensiv um Özil bemüht und mehrfach mit ihm gesprochen. "Ich habe ihm aber gesagt, dass er sich entscheiden muss - nicht wir", teilte Löw nach der Nominierung mit.Und Özil hat sich entschieden. Im Oktober lehnte er eine Einladung Terims für ein Länderspiel ab. Im Januar ließ er nicht nur türkische Reporter kommentarlos stehen, die ihn im Werder-Trainingslager an der türkischen Mittelmeerküste bestürmten. Auch verweigerte er den aus Istanbul angereisten Co-Trainern Terims ein Gespräch.Das ist auch eine Bestätigung für Theo Zwanziger. Der DFB-Präsident kämpft seit Jahren gegen den Vorwurf, man kümmere sich nicht genug um Talente mit Migrationshintergrund. Dabei gibt es eine Integrationsbeauftragte beim DFB. Und es gibt Projekte mit dem türkischen Verband, beispielsweise eines, um weniger talentierte Kicker vor einem Wechsel in untere türkische Profiligen zu warnen.Auf über dreihundert schätzt Chefscout Metin Tekin die Zahl der türkischstämmigen Fußballer, die in den vergangenen Jahren in der zweiten türkischen Liga ihr Glück gesucht haben. Ihre großen Vorbilder sind Ümit Davala aus Mannheim und Ilhan Mansiz aus Kempten. Beide kamen in Deutschland nicht über die Bezirksliga hinaus, gingen zu einem türkischen Provinzklub, dann zu einem großen Istanbuler Verein und schafften es schließlich in jene türkische Nationalmannschaft, die 2002 WM-Dritter wurde.Ein Traum, der auch auf vielen Berliner Bolzplätzen geträumt wird. Doch in der türkischen Provinz merken viele Spieler, dass sie im Land ihrer Vorfahren nur als "Deutschländer" gesehen werden. Sie kehren nach harten Erfahrungen in einer völlig anderen Kultur desillusioniert zurück.Deutsche Politiker wie die Grünen Cem Özdemir und Claudia Roth begrüßen nun die Entscheidung Özils mit viel Pathos. Özil könne Vorbild für Millionen Menschen in der Bundesrepublik sein - mit und ohne Migrationsgeschichte. Das ist viel Verantwortung für einen jungen Menschen, der vor allem eines will: Fußball spielen. "Mesut lebt Fußball, der würde auch ohne Geld spielen", sagt sein Förderer Norbert Elgert.Dass Özil nun für Deutschland spielt, kann Mustafa Dogan nachvollziehen. Der erste deutsche Nationalspieler türkischer Herkunft lebt heute in Istanbul und arbeitet als Kommentator fürs türkische Fernsehen und als Spielerberater. "Mesut hat sich die ganzen Jahre beim DFB wohlgefühlt. Warum sollte er wechseln?" Dogan hat seine Entscheidung, für Deutschland zu spielen, nie bereut, auch wenn er nur zweimal in der Nationalmannschaft eingesetzt wurde. "Vielleicht hätte ich für die Türkei mehr Spiele machen können. Aber ich bin stolz auf das Erreichte."In Deutschland will Dogan heute nicht mehr leben. Aber er habe Anerkennung in der Türkei im Lauf der Jahre gespürt, weil er für Deutschland gespielt habe, denn der deutsche Fußball wird in der Türkei hoch angesehen. "So wird es hoffentlich auch Mesut Özil gehen", sagt Mustafa Dogan. "Ich hoffe, dass er glücklich wird auf seinem Weg." Glücklich, freudig, glückselig - das bedeutet der Vorname des deutschen Fußballers Mesut Özil auf Türkisch.------------------------------"Hier wurde ich geboren und zum Fußballer ausgebildet." Mesut Özil------------------------------Foto: Technisch ein Ausnahmetalent: Mesut Özil aus Gelsenkirchen.