Ich habe vor einiger Zeit einen Brief bekommen. Von der "Bürgerinitiative Gethsemaneplatz". Dort wohne ich nämlich, gegenüber der Gethsemanekirche. Ich bin da Anwohner. Als Anwohner wird man für Bürgerinitiativen interessant. Hätte ich das gewusst, wäre ich nie Anwohner geworden.Im Brief der "Bürgerinitiative Gethsemaneplatz" stand, es gebe Pläne "zur Neuordnung der öffentlichen Flächen". Es solle geprüft werden, ob und wie der Platz um die Kirche, in einen "verkehrsberuhigten Bereich" umgewandelt werden könnte. Es gehe um Sicherheit für die Kinder und Ruhe für die Anwohner. Zunächst wolle man einen Sommer lang probieren, "was auf dem Gethsemaneplatz alles möglich sein könnte". Um sich ein "repräsentatives Bild" einzuholen, darüber, was die Anwohner wünschten, solle man nun einen Fragebogen ausfüllen.Oh, oh, dachte ich. Das wird ein Höllen-Sommer.Warum kann nicht einfach alles bleiben, wie es ist? Der Platz ist doch völlig okay. Ein schöner Platz. Schön ruhig. Die Straße um die Kirche ist klein, eng und krumm. Man hört die Kinder kreischen und die Vögel singen. Und jetzt, noch ruhiger? Scheintot?Das mit der Ruhe habe ich nie begriffen. Ich meine, man wohnt in der Stadt. In der Innenstadt sogar. Im Herzen Berlins. Man macht das gemeinhin wegen des Lebens, des Trubels, den Bars und der guten Verkehrsanbindung - nicht wegen der Ruhe. Der Satz: "Ich wohne in der Innenstadt wegen der Ruhe" erinnert mich an den Satz: "Ich wohne in Nordfinnland wegen des kulturellen Angebotes und der Sonne."Auf der Internetseite der Bürgerinitiative steht, dass die Gethsemanestraße zur Spielstraße ohne Parkplätze werden solle und die "Stargarder Straße im blau markierten Bereich zu einer Begegnungszone".Schon wieder Zone, dachte ich. Hört das nie auf? Der blau markierte Bereich liegt direkt vor meiner Haustür. Begegnungszone? Wem soll ich denn da ständig begegnen und warum? "Ich geh' mal rasch vor die Tür und schlendere mit Klaus durch die Begegnungszone." Sagt man das dann so?Im Fragebogen der Bürgerinitiative wird unter der Rubrik "Ich kann mir gut vorstellen, ...", gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, auf dem Gethsemaneplatz "meinen Liegestuhl oder Klappsessel aufzustellen" oder "Skat oder Schach" zu spielen.Natürlich! Ich könnte mir sogar vorstellen, meine Klappcouch, mein Klappbett und meine Klappschrankwand aufzustellen und dort im Sommer zu wohnen. Open Air. Ich spiele zwar kein Schach, habe aber eine 500 Meter lange Modelleisenbahn, die um die Kirche fahren könnte. Tuff-Tuff-Tuff. Aber nur bis 22 Uhr. Und nicht an den Wochenenden. Wegen der Ruhe.Unter der Rubrik "Ich befürchte, ..." gab es ein freies Feld zum Eintragen, also schrieb ich: "Ich befürchte, ihr habt alle einen an der Waffel."Die Chefin der Bürgerinitiative ist anscheinend Cornelia Dittrich. Ich kenne sie nicht, und Frau Dittrich ist sicherlich sehr nett und verdient höchste Anerkennung für ihr bürgerliches Engagement. Ich frage mich nur, warum sie sich nicht für etwas anderes engagiert. Für etwas anderes, als für sich selbst.Ich mag Leute, die sagen: Mir ist es zu laut. Mein Leben hat sich verändert. Ich zieh' aufs Dorf und baue dort die schönste Begegnungszone Europas - für mich, meinen Mann und meine zwei Kinder. Aber so läuft das nicht mehr. Man sagt jetzt: Mir ist es zu laut, ich gründe eine Bürgerinitiative, zusammen mit all den anderen Lebens- und Stadtberuhigern. Nicht ich verändere mich - ich verändere mein Wohnumfeld. Ich beruhige nicht nur mein Leben, ich beruhige gleich das ganze Viertel bis zur Ödnis.Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, spüre ich, wie ein wenig Unmut und Magensäure meinen Hals hinaufsteigen. Ich sollte vielleicht eine Gegen-Bürgerinitiative gründen - für weniger Ruhe, weniger Bürgerinitiativen, weniger Spielplätze, weniger Radwege, weniger Feinkostläden, weniger Hebammen, weniger Ingwer, weniger Wildlederschuhe, weniger Parkverbotszonen und weniger Arschgesichter.Aber es geht ja nicht immer nur um mich.