Der Ex-Kommunarde Dieter Kunzelmann hat gestern vor dem Amtsgericht Tiergarten einen Eklat inszeniert: Im Gerichtssaal zerschlug er ein rohes Ei auf dem Kopf des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen, der als Zeuge aussagen sollte.Diepgen ahnte offenbar, wie unangenehm eine Begegnung mit dem selbsternannten Aktionspolitiker verlaufen könnte. Lange zierte sich der CDU-Politiker, vor Gericht als Zeuge zu einem Ei auszusagen, das Kunzelmann 1993 am Potsdamer Platz auf Diepgens Dienst-Mercedes geworfen haben soll. Am 8. Verhandlungstag aber erscheint er in Begleitung von vier Bodyguards pünktlich um 13.30 Uhr. Der Angeklagte tobt Vorsorge hat auch Amtsrichter Lenz getroffen. Er läßt vor der Gerichtstür die Zuhörer und den Angeklagten durchsuchen. Bereits am Haupteingang sind dem Ex-Kommunarden Kunzelmann zwei Eier abgenommen worden. "Auch die Kantine hat Lebensmittel", begründet Lenz die zweite Kontrolle. Doch sie nutzt nichts: Kunzelmann ist auch gut vorbereitet. Erst tobt er vor dem Gerichtssaal, weil Justizbedienstete seine Taschen durchwühlen. Später ist ein wütendes Füßestampfen zu hören. Der Regierende sitzt gelassen in einem blauen Anzug vor der Richterbank. Auch im Gerichtssaal beschwert sich Kunzelmann. Er geht auf die Garderobe zu. Er wolle seine Uhr und einen Stift holen, sagt der Ex-AL-Abgeordnete. Der 56jährige wühlt in einem Mantel, geht von hinten auf Diepgen zu - und schlägt ihm ein Ei über den Kopf.Sekunden bleibt es stehen. Dotter fließt. Diepgen rührt sich nicht. "Frohe Ostern, du Weihnachtsmann", ruft Kunzelmann und lacht. Justizwachtmeister greifen ihn. Ein Leibwächter dreht ihm den Arm auf den Rücken und drückt sein Gesicht auf einen nahestehenden Sitz. Ein Mann reibt mit einem Taschentuch das Ei von Diepgens Kopf. Alarmsirenen heulen durch das Gebäude. Weitere Wachtmeister eilen herbei. Richter Lenz unterbricht die Verhandlung.Wie kam das Ei in den Gerichtssaal? Diepgen unterstellt den Verteidigern Christian Ströbele und Hans-Joachim Ehrig, sie hätten es hereingeschmuggelt. Empört weisen die Anwälte den Vorwurf zurück. Ihrem Mandanten kommt die Attacke teuer zu stehen. Wegen ungebührlichen Verhaltens muß er ein Ordnungsgeld von 1 400 Mark zahlen. Während der Vernehmung Diepgens fliegt Kunzelmann aus dem Saal. Richter Lenz ordnet den Ausschluß an. "Happening" befürchtet "Ein Happening" habe er befürchtet, räumt Diepgen ein und merkt lakonisch an: "So war es dann ja auch." Der Regierende Bürgermeister weiß, wovon er spricht. Der 53jährige und der drei Jahre ältere Kunzelmann kennen sich seit Jahrzehnten. Schon auf der Universität trennte eine unterschiedliche politische Einstellung die beiden Männer. Eine "aus dem Rahmen fallende Beziehung", nennt Verteidiger Ehrig den weiteren Verlauf, der seit den 80er Jahren auch für Schlagzeilen sorgte. Als Abgeordneter der AL beschimpft Kunzelmann den Senat unter Diepgens Führung als "kriminelle Vereinigung". Zwei Strafverfahren enden mit Freisprüchen. Mitte der 80er Jahre sorgte ein Gerangel zwischen dem Ex-Kommunarden und dem Regierenden während des Besuches des schwedischen Ministerpräsidenten für Aufregung. In den 90er Jahren entdeckt Kunzelmann schließlich das Ei als politisches Mittel. Diepgen wird die Zielscheibe. Der CDU-Politiker bestätigt in seiner dreistündigen Vernehmung, daß er auch 1993 am Potsdamer Platz von seinem Widersacher belästigt wurde. Nun überlegt er, ob er wegen des Eierschlags Strafanzeige gegen Kunzelmann stellt. +++