Jörg Schönenborn steigt mit einem Seitenhieb auf das Duell von Angela Merkel und Peer Steinbrück ein. Der Chefredakteur des WDR begrüßt in der ARD zur Sendung, „in der es mehr Diskutanten als Moderatoren“ gebe. Gemeinsam mit Sigmung Gottlieb, seinem Kollegen vom Bayerischen Rundfunk, hat er Gregor Gysi von der Linken, sowie die Spitzenkandidaten von FDP und Grünen, Rainer Brüderle und Jürgen Trittin zu bändigen, die (der Größe nach geordnet) von links nach rechts im kahlen Berliner Wasserwerk Aufstellung genommen haben.

Ein „Rückspiel“ (so der offizielle Titel) zur Debatte der großen zwei mit den vier Fragestellern ist das allerdings nicht. Hier findet das ebenso eigenständige wie muntere Hinspiel der drei „Kleinen“ statt, ohne mindestens einen von denen keiner der Großen eine Regierung bilden. Ihr Rückspiel werden die drei kurz vor der Wahl auf pro Sieben bestreiten.

Rauer Charme

Einen Teil ihres eher rauen Charmes gewinnt die Debatte dadurch, dass den Moderatoren die Bändigung ihrer Gäste nicht immer gelingt. Aber vielleicht wollen sie das auch nicht, weil sie den staatstragend braven Abend zuvor noch bestens im Kopf haben. So steigt der krachend konservative Gottlieb zu den Kämpfern in den Ring und versetzt dem Grünen ein paar rhetorische Schwinger, weil der für den gesetzlichen Mindestlohn ist. Schönenborn wiederum, obwohl auf der linken Proporzstelle im Team, rüffelt Gysi: „Wir wollen hier keine Zahlenschlacht. Das macht Spaß, aber man kann sich dabei verletzen.“ Solche Frechheit hätte sich Stefan Raab mal gegenüber Merkel oder Steinbrück herausnehmen sollen!

Am Ende der ersten 20 Minuten sind Trittin und Gysi immer noch für und Brüderle gegen den Mindestlohn. Dabei beruft der Grüne sich auf Ludwig Erhard, weil der gegen staatliche Lohnsubvention durch Aufstockung von Miniverdiensten gewesen wäre. Erstaunlich, dass Brüderle gar nicht erst versucht, den Vater der Sozialen Marktwirtschaft gegen diese Vereinnahmung in Schutz zu nehmen.

Aber danach geht die Zahlenschlacht erst richtig los. Jeder hat seine eigenen Milliarden, die er den anderen in Sachen Eurorettung oder Staatshaushalt unter die Nase reibt. Doch die drei sind erfahrene politische Raufbolde. Sie wollen keinen in der Runde überzeugen, sondern setzen darauf, dass die von ihnen erreichbaren Zuhörer ihren Summen ver- und denen der anderen misstrauen. Deshalb bestreiten sie die Zahlen der Konkurrenten nicht, sondern vertrauen auf die Wirkung der eigenen.

Als Trittin Brüderle mit einem gezielten Foul der Lüge bezichtigt, bleibt der FDP-Mann ungerührt. Er genießt lieber, wie der die folgende Moderatorenmahnung mit einem breiten Grinsen quittiert. Der Beschimpfte weiß: Seine Anhänger sehen mit Vergnügen ihr Bild vom grünen Rüpel bestätigt.

Wer mit Wem?

Dann Kurz vor Schluss die entscheidende Frage für die Juniorpartner vom Dienst: Wer mit Wem? Trittin darf sagen warum er sich eine Koalition mit der Union partout nicht vorstellen mag: „Keine Grundlage“ - schon wegen des Betreuungsgeldes. Gottlieb will von Gysi wissen, was Rot-Rot-Grün spreche, wo es doch so viele Gemeinsamkeiten gebe, von denen sich die Zuschauer hätten überzeugen können. Da zieht der Vormann der Linken die „Kriegseinsätze“ und die Euro-Politik als Trennwand hoch. Ein gutes Stichwort für Brüderle, sein Lieblingsargument anzubringen, in Düsseldorf hätten Gysis Leute SPD und Grüne ja auch toleriert. Dann darf der FDP-Mann seinen Aussschlussbeschluss vorbringen. Ampel mit SPD und Grünen, wenn sonst nichts geht? Aber nicht doch, mit den „beiden maximalen Steuererhöhern“.

Nach diesem rhetorischen Gewitter bleibt selbst dem Wortgewandten Frank Plasberg, vom folgenden „Hart aber fair“ nur ein ein erschöpftes „Uff!“