Berlin - Vier Sender, zwei Kandidaten, ein Duell: Mehr als 17 Millionen Zuschauer haben am Sonntagabend das Fernsehduell zwischen der Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Herausforderer Peer Steinbrück verfolgt. Der ZDF-Chefredakteur Peter Frey war live vor Ort im Studio in Adlershof und analysiert die Stärken und Schwächen dieses Duells.

Herr Frey, das TV-Duell gilt ja allgemein als Höhepunkt des Wahlkampfs und der Fernsehberichterstattung über das Thema. Angeblich sind bis zu 75 Prozent der Wähler noch unentschlossen, was sie wählen. Glauben Sie, dass das Duell vom Sonntag da eine Entscheidungshilfe gegeben hat?

Durchaus. Jedenfalls haben die guten Quoten von 17 Millionen Zuschauern gezeigt, dass die Menschen sich für Politik interessieren. Die Umfragen von Forschungsinstituten sagen ja, dass die Unentschlossenen nun ein klareres Bild haben von den beiden Kandidaten.

Wie haben sich Merkel und Steinbrück aus Ihrer Sicht geschlagen?

Auch das ist von den Forschungsinstituten abgefragt worden: Merkel hat eindeutig bessere Sympathie-Werte bekommen, Steinbrück hingegen konnte beim Thema soziale Gerechtigkeit punkten. Auffällig war auch, dass Merkel sich fast präsidial präsentiert hat. Steinbrück war anfangs kürzer, betonte die Gegensätze, fiel aber nicht aus der Rolle. Alles in allem überwog ein sachlicher Ton, der der Sendung gut getan hat.

Gab es aus Ihrer Sicht auch überraschende Situationen?

Ein paar schon. Die Punkt mit der PKW-Maut für Ausländer war überraschend und klar. Da hat Steinbrück zugeschlagen. Beim Thema Pensionen und Renten schnappte sich Merkel den Kleine-Leute-Punkt.

Sie waren vor Ort im Studio in Adlershof. Bekommt man dort die Stimmung besser mit als am Bildschirm?

Hinter den Kulissen konnte man beobachten, dass die beiden sehr professionell miteinander umgingen, sehr respektvoll. Wenn man aber wissen will, wie die beiden wirklich gewirkt haben, dann darf man sich das Duell nicht in der Berliner Käseglocke ansehen, sondern muss bei den Wählern schauen.

Im Vorfeld konnte man vereinzelt den Eindruck bekommen, die Zusammenarbeit mit Stefan Raab gestaltet sich etwas frostig – auch Sie haben sich ja zuweilen kritisch über die Teilnahme Raabs geäußert. Waren Ihre Sorgen berechtigt?

Ich habe vorab Leitplanken formuliert. An denen ist er entlang gefahren, und am Ende hat’s gerumpelt. Mehr will ich nicht dazu sagen.

Kritiker finden, Raab habe durchaus eine neue Farbe, einen neuen Ton hereingebracht. Sehen Sie das auch so?

Die Sendung war in der Tat lebendiger als vor vier Jahren. Das lag aber an der Gesamtkonstellation. Damals kamen die Kandidaten aus der gemeinsamen Großen Koalition, da gab es Beißhemmungen. Das war am Sonntag anders. Und glauben Sie mir: Kein ernsthafter Moderator, der dort steht und sich an die Regeln hält, empfindet den Job als Traumauftritt.

Das TV-Duell wurde im Vorfeld als zu steif kritisiert, zu viele Moderatoren stehen nur zwei Kandidaten gegenüber. Sollte man im nächsten Wahlkampf die Form des TV-Duells verändern, etwa in dem man nur zwei Moderatoren schickt?

Wir haben ja keinen Hehl daraus gemacht, dass wir gern zwei Duelle produziert hätten. Das war aber mit der Kanzlerin nicht zu machen. Dass jeder Sender sein Gesicht präsentieren will, ist auch klar. Aber wir werden es in vier Jahren wieder versuchen – zwei Duelle mit jeweils nur zwei Moderatoren. Das wird nicht nur übersichtlicher, das bietet auch mehr Zeit für viele Themen, die jetzt nur gestreift werden konnten.

Ein Problem scheint ja auch zu sein, dass durch die starre Form nicht genügend Interaktion zwischen Merkel und Steinbrück zustande kam. Wie beurteilen Sie das?

Ich habe alle Duelle seit 2002 verfolgt, und mir schien es so, dass das unmittelbare Aufeinander-Bezug-Nehmen dieses Mal häufiger war als früher. Aber in der Tat: die unmittelbaren Reaktionen aufeinander brachten die stärksten Momente. Dass die beiden mehr miteinander ins Gespräch kommen, schnell aufeinander reagieren – daran müssen wir fürs nächste Mal noch arbeiten.

In den USA sind derlei Duelle anders organisiert, indem nur ein Moderator die Fragen stellt. Außerdem finden einige der Duelle vor Publikum statt, das weder applaudieren noch buhen darf. Sollten sich die deutschen Wahlkämpfer daran ein Beispiel nehmen?

Ein Publikum, das sich nicht regen darf, ist auch nicht ideal. Dann lieber die Studioatmosphäre. Für mich war diesmal spannend, dass Öffentlichkeit schon parallel zur Live-Sendung entsteht, im Netz, mit Tausenden Twitter-Einträgen. Mir imponiert es, wie schnell junge Leute die Stärken und Schwächen der Kandidaten und Moderatoren analysieren. Insofern war das Duell das Medienereignis des Jahres.

Das Interview führte Michael G. Meyer